Verkehrskontrolle

Der Eintrag ist, wie ihr schnell merken werdet, ein Rückblick. Es geht um eine (fast) normale Verkehrskontrolle, in der ich etwas Wichtiges gelernt habe. Und vielleicht nehmt ihr ja auch was mit…


Ich habe Nachtdienst. Seit einigen Wochen bin ich fertig mit der Ausbildung und darf endlich ran an den Bürger und ausprobieren, was ich geübt habe. In der Ausbildung waren wir meist zu dritt. Jetzt teile ich den Streifenwagen mit einem Kollegen, der sicher noch ein besonderes Auge drauf haben wird, wie die Neue sich so anstellt. Eigensicherung haben sie uns eingetrichtert im Training: „Ihr wisst nie, wer in dem Auto sitzt, das ihr da anhaltet.“ haben sie uns erklärt: „Vielleicht wird derjenige gesucht, vielleicht hat er gerade eine Straftat begangen. Vielleicht ist er bewaffnet! Das Wichtigste ist, dass ihr nach dem Dienst gesund nach Hause kommt.“

Mein Streifenführer und ich wechseln uns beim Autos Anhalten ab. Er ist ein alter Hase und passt ziemlich gut auf mich auf, habe ich den Eindruck. „Das ist hier alles nicht so, wie in der Ausbildung, Wirste sehen…“ meinte er zu Dienstbeginn. Wie es denn stattdessen ist, hat er nicht verraten.

Jetzt ist er dran mit Anhalten. Wir fahren hinter einem Transporter her. Die Straße ist schlecht beleuchtet und es nieselt. „Irgendwie fährt der komisch. Wenn der jetzt noch einmal rechts abbiegt ist er im Kreis gefahren! Wir gucken da mal rein.“ beschließt der Kollege. Ich bin noch ein bisschen zu beschäftigt mit dem Funk und dem ungewohnten Gefühl, neuerdings zu zweit in Uniform draußen rum zu fahren, als dass mir auffiele, wer hier alles komisch fährt. 

Auf unserem Dach blinkt jetzt STOP POLIZEI. Der Transporter fährt weiter. Sein Kennzeichen sagt uns, dass er nicht von hier ist. Über Funk können wir die Halterdaten abfragen. Der Halter ist unbeschriebenes Blatt, aber je länger ich auf seine Fahrweise achte, desto verdächtiger finde ich sie. Oder bilde ich mir das ein? Erst als wir Blaulicht einschalten, hält der Wagen an. Dann wollen wir mal…

Ich gehe zur Beifahrertür, die Hand an der Waffe, wie ich es gelernt habe, und werfe dem Kollegen einen Blick zu. Als ich neben dem Wagen bin schaltet der Fahrer den Motor wieder an. Das Fenster öffnet er dem Kollegen nicht, die Tür auch nicht. Ich bin unsicher. Was hat der Kerl vor? Der weiß jetzt, dass die Polizei neben ihm steht und sieht uns schon. Und ich? Ich weiß nicht so genau, was in der Fahrerkabine passiert. In den nassen Scheiben blendet mich meine Taschenlampe und so richtig überall hin leuchten kann ich auch nicht. Irgendwie ist alles ist anders als im Training, wo schlimmstenfalls nach einer nachlässigen Kontrolle eine schlechte Note droht.

Der Kollege klopft an die Fahrerscheibe. Ein Mann steigt aus. Schlecht gelaunt sieht er aus, trägt eine Arbeitshose und in der Tasche steckt ein Teppichmesser. Mein Blick zielt nur auf seine Hände. Wo sich die Papiere befinden möchte der Kollege wissen. Der Fahrer steigt wieder ein und öffnet das Handschuhfach. Als er hineingreift sehe ich im Taschenlampenlicht die Umrisse einer Pistole. Ach du scheiße. Spinnt der?! Jetzt geht zum Glück alles ganz schnell. Ich warne den Kollegen durch ein vereinbartes Zeichen. Er kann den Fahrer aus dem Wagen ziehen und zu Boden bringen. Wir fesseln ihn und ich schaue nach, was da genau im Handschuhfach war. Eine Softair- Pistole. Nicht geladen und auch sonst völlig ungefährlich bis auf die Tatsache, dass sie einer echten Waffe nicht nur im Schummerlicht täuschend ähnelt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte er sie aus dem Handschuhfach genommen. Wollte der uns drohen? Was fahren hier nachts für Idioten rum?

Die Situation klärt sich. Der Mann hat den ganzen Tag bei einem Umzug geholfen und sich dazu den Transporter geliehen. Jetzt hat er sich auf dem Heimweg verfahren. Von der Pistole im Handschuhfach wusste er nichts. Sie gehört dem Sohn des Autobesitzers. Ein Spielzeug. In Gefahr waren wir nicht. Aber das wissen wir jetzt erst.

Als wir den Mann überprüft haben und die Kontrolle beendet ist, merke ich, dass meine Knie zittern. Der Kollege wird es nicht gesehen haben. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Wir steigen wieder in den Streifenwagen und schlagen die Türen zu. „Krass!“ sagt der Kollege: „Siehst du, wie meine Hände zittern, von der Anspannung? Gut, dass du mich so schnell gewarnt hast. Von der Fahrerseite aus konnte ich nicht ins Handschuhfach gucken. Ich hab die Waffe gar nicht gesehen!“ „Aber auch super, wie du reagiert hast! Ich hätte nicht gedacht, dass du den so schnell aus dem Auto ziehen kannst!“ antworte ich und bin froh, dass ich nicht den dicken Max machen muss: „Und guck mal: meine Knie zittern. Ich glaub, ich hatte gerade das erste Mal im Leben Schiss…“ beichte ich kleinlaut, denn ein bisschen peinlich ist es mir schon. „Macht nix!“ beruhigt mich der Kollege: „Hat jeder mal! Und die Hauptsache ist doch, dass wir immer sicher nach Hause kommen!“

Es ist also doch nicht alles anders als im Training, denke ich, und habe gerade ziemlich viel gelernt.

3 Gedanken zu “Verkehrskontrolle

  1. Arne

    Hallo,

    ich bin gerade auf den Blog gestoßen und finde ihn interessant. Bei „Verkehrskontrolle“ fällt mir eine Frage, die mich schon etwas länger beschäftigt.

    Wie verhält man sich als Autofahrer am besten bei einer Verkehrskontrolle, um die Kontrolle für beide Seiten so unaufgeregt wie möglich zu machen? Oder anders gefragt: Was wünscht Du Dir, wie ein Autofahrer sich Verhält bei einer Kontrolle?

    Der Hintergrund ist folgender: 1990/91 war ich als Austauschschüler in den USA. In der Schule hatte ich auch Fahrunterricht. Und dort wurde den Schülern erzählt, bei einer Kontrolle anhalten, beide Hände gut sichtbar auf dem Lenkrad liegen lassen bis die Polizisten herangetreten sind. Während der Kontrolle keine hektischen Bewegungen machen und Handlungen ankündigen (z.B.: „Papiere sind im Handschuhfach. Ich werde es öffnen und sie herausholen.“)

    Mir kam das alles ein bisschen viel vor, aber auf der anderen Seite … !? Der Lehrer begründete das damals damit, das die Polizisten sich tendenziell in Gefahr bringen.

    Viele Grüße

    Arne

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