Sarina

Der Spätdienst ist unruhig, mein Telefon rappelt ständig. Zwischen den kleinen und großen Problemen der Menschen nutze ich die kurzen Ruhephasen und lehne mich zurück. Gerade wollte ein Opi wissen, wo er Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatten kann. Anschließend standen zwei Kontrolleure mit einem Schwarzfahrer auf der Matte. Dann rief eine Dame an, die ein Aktenzeichen brauchte, der Autofahrer, der sich nach der Winterreifenpflicht erkundigte und die Lehrerin, die auf der Wache stand und drauf pochte, dass sie zu unrecht angehalten wurde. Der ganz normale Wahnsinn halt.

Es bimmelt wieder. In Anbetracht dessen, was sie mir zu erzählen hat,  wirkt die Frau am Telefon ziemlich sachlich. „Meine Tochter Sarina ist abgehauen, ich hab Schiss dass die sich was antut!“ Ich bringe den Schreibtischstuhl in eine aufrechtere Position und mache die Musik aus. „Ok, was für einen Grund könnte sie haben?“ „Mein Mann hat meine Söhne missbraucht. Sarina war mit vor Gericht… wohl doch alles `n bisschen zu viel für sie. Dabei sind wir echt ’n gutes Team. Sarina macht das super!“ Ooooha. Harter Stoff. Während ich mir die Anzeige auf den Bildschirm klicke frage ich bei der Mutter ein paar Eckdaten ab.

Sarina ist gerade 18, wohnt noch Zuhause und hat heute aus heiterem Himmel die Haustür hinter sich zugeschlagen. Jetzt ist sie weg, wohl irgendwo in der Nachbarschaft unterwegs, hoffentlich baut sie keinen Mist. „Ich rufe Sarina mal an“ schlage ich der Mutter vor, in der Hoffnung, sie möge auch dran gehen.

Freizeichen. Drei-, viermal tutet es in meinem Hörer und ich sehe mich vor meinem geistigen Auge schon die Vermisstenanzeige schreiben, bevor sich Sarina mit einem genervten. „Häää?“ meldet. „Bist du’s, Sarina?“ – „Ja. Wer is’n da überhaupt?“ „Aaach puh… Schön, dass du dran gehst. Die Polizei ist hier. Aber keine Angst kriegen. Wir machen uns nur Sorgen ob du okay bist… Wo bist du denn?“ „Im Wald, auf `ner Bank. Wen interessiert das?“ Noch mache ich mir Sorgen, dass sie jeden Moment auflegt, das wäre Mist. „Mich interessiert das. Ich hab gehört, dass du ganz schöne Scheiße durchmachst im Moment; und deine Mama hat Angst dass du abhaust oder so.“

Sarina gibt sich cool und wiegelt ab. Sie wollte nur mal ihre Ruhe haben. Einfach Zuhause raus, bevor ihr die Decke auf den Kopf fällt, ihr geht’s gut und ich soll mir keine Sorgen machen. Der Kloß im Hals ist nicht zu überhören. „Ey, Sarina… ich hör‘ doch das nicht alles okay ist. Aber wir kriegen das hin. Du musst nicht immer die starke große Schwester sein. Jetzt geht’s mal um dich, ja?“ Jetzt heult sie und ich habe es kommen hören. Die Kurze mag auf dem Papier volljährig sein, aber erwachsen ist sie noch nicht. Gefühlt habe ich ein kleines Mädchen am Telefon und ich bin noch nicht sicher, ob sie vielleicht etwas sehr Unvernünftiges vorhat.

„Pass auf, ich hab einen Streifenwagen in deine Nähe geschickt, damit dir nix passiert. Gehst du mal zurück zur Straße und quatschst die Kollegen an. Ich kenn die, die sind nett. Und die Zwei bringen dich dann nach Hause. Machste das?“ So wirklich in der Nähe ist niemand. Ich pokere. Sie wird einen Moment aus dem Wald bis zur Straße brauchen. Wenn sie meinen Vorschlag annimmt müssen wir uns halt beeilen. Aber sie will nicht. „Kein Streifenwagen. Ich geh gleich nach Hause. Versprochen. Ich bau kein‘ Scheiß…“ „Ok, dann machen wir das anders: Du machst dich auf den Weg und ich bleibe am Telefon. Dann bin ich sicher, dass du gut ankommst und wir können noch ein bisschen quatschen.“ Ich höre, wie sie sich in Bewegung setzt. Puh. „Wissen Sie, manchmal geht mir alles auf’n Sack“ ich lasse sie erzählen: „Was is` denn mein Leben noch wert? Mein Stiefvater hat meine Brüder angefasst. Krasser geht’s ja wohl nicht! Das geht nie wieder weg. Meine Familie ist am Arsch. Und das Schlimmste ist, ich kann das niemandem erzählen. Das will doch keiner hören…“ „Deine Mama hat mir erzählt, dass ihr voll gut zusammenhaltet. Die ist ziemlich stolz auf dich!“ „Ja. Aber die hat genug Probleme, da kann ich auch nicht rum heulen. Manchmal geht’s dann einfach nicht mehr.“  Glaube ich sofort. Und während sie mir erklärt, wie es war, bei Gericht mit den kleinen Brüdern, und wie ausweglos manchmal alles ist, google ich ihr die Nummer gegen Kummer.

„Sarina, kennst du die Nummer gehen Kummer?“ „Nee?!“ „Ich sag dir jetzt die Nummer, und du speicherst die ins Handy, ok?“ Sarina heult immer noch, stimmt aber zu. Ich höre, wie sie am Handy rumfummelt und die Nummer speichert. „Wenn du da keinen erreichst, dann rufst du mich noch mal an, ja? Und ich sag dem Kollegen bescheid, der schon mal als Opferschützer bei euch war. Der meldet sich bei dir. Meinste damit kommst du heute Abend klar?“ „Glaub schon. Ich bin auch jetzt Zuhause.“ Im Hintergrund klimpert ein Schlüsselbund. Dann höre ich wie Sarina ihrer Mutter um den Hals fällt. Beide weinen. Wir verabschieden uns.

Ich lege auf und muss erst mal durchatmen. Dann lehne ich mich im Bürostuhl ganz weit nach hinten und mache das Radio wieder lauter. Die Musik lockt einen Kollegen an, der mir die Erleichterung noch anzusehen scheint: „Alles klar bei dir? Du guckst so. Haben wir ’n Einsatz? Ist was was passiert?“

„Nö…nichts passiert.“

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