Janis

Der Herbst ist da und weht, wie jedes Jahr, die ersten Blätter von den Bäumen. Außerdem bringt er uns die Kirmes ins Dorf. Nach dem wechselhaften Wetter der letzten Zeit ist das Kirmeswochenende passenderweise wunderbar sonnig und die Menschen strömen in die Innenstadt. Auf den Fahrgeschäften ist mächtig was los und heute, am Sonntag vor dem großen Abschlussfeuerwerk, soll als Höhepunkt der Festumzug stattfinden.

Der Frühdienst verläuft entsprechend unruhig. Zwei junge Männer schlafen, nach diversen nächtlichen Eskapaden, in den Zellen ihren Rausch aus. Die Kollegen räumen dem Kirmeszug den Weg frei und beseitigen zahlreiche Falschparker, Rentner rufen an und wollen sich mal ganz genau erklären lassen, wann denn welche Straße wie lange gesperrt wird und nebenbei zeigt noch der Eine oder Andere dies oder jenes an. Langweilig wird uns heute nicht.

Eine gute Stunde vor Feierabend, ich kann meine Couch nach zwei Wochen Frühdienst schon rufen hören, meldet ein Kollege von der Kirmes sich am Funk.

„Ich komme mit einer Personenfahndung. Mich hat gerade eine junge Frau angesprochen. Ihr kleiner Sohn wird vermisst. Er heißt Janis, ist drei Jahre alt und nur recht spärlich bekleidet. Als die Mutter was aus dem Auto geladen hat muss er weggelaufen sein. Sie hat mit ihren Freund zusammen schon alles abgesucht…“ Es folgt die Beschreibung des kleinen Ausreißers.

Ach! du! Scheiße! denke ich, wie soll man denn auf der Kirmes einen Deijährigen finden? Aber so kleine Stöpsel gehen normalerweise nicht einfach verloren. Die Suche beginnt. Jetzt halten auch sämtliche Kollegen die Augen offen, die Betreiber der Fahrgeschäfte, die Hilfsdienste, Verkehrsbetriebe… Wir informieren jeden, den wir erreichen können, damit Janis bald wieder bei Mama ist. Die Gute hat inzwischen über ihre Unachtsamkeit völlig die Fassung verloren. Sie meint, ihren Spross in einer Wohnung eines nahen Mehrfamilienhauses gehört zu haben und tritt dort in ihrer Verzweiflung mehrere Türen ein. Planlos, wie sie ist, trifft sie dort aber nicht auf ihren Janis sondern nur auf völlig perplexe Mieter, die mit seinem Verschwinden ü-ber-haupt nichts zu tun haben.

Damit die Mutter sich beruhigt und nicht noch durch andere verschlossene Türen geht, wird sie mit zur Wache genommen. Suchende Kollegen sind da draußen genug und in ihrem Zustand ist Mama leider wirklich keine Hilfe. Sie tobt, wie es nur eine Mutter tut, wenn dem Nachwuchs etwas zustößt und lässt sich erst in der Zelle langsam wieder runtersprechen. Wahnsinn. Inzwischen ist seit Einsatzbeginn eine gute Dreiviertelstunde vergangen. Der Junge kann quasi überall sein.  Ein Suchhund, der die Spur des kleinen Ausbrechers aufnehmen wird, reist aus der Nachbarbehörde an. Mit zunehmender Zeit, die wir Janis suchen, erhöht sich natürlich der Aufwand. Aber weit kann er ja eigentlich mit seinen kurzen Beinen nicht gekommen sein. Und so ein Dotz ganz ohne Mama auf der Kirmes, der müsste doch langsam mal auffallen?! Je mehr seine Mutter sich auf der Wache beruhigt und je mehr wir sie ausfragen, desto seltsamer wirkt sie auf uns. Das Wochenende hat sie wohl mit ihrem Freund durchgefeiert und sich reichlich Drogen und Alkohol reingepfiffen. Und dann läuft ihr das Kind weg? Geht’s noch?! Spinnt die? Sie hätte besser aufpassen müssen, und das scheint ihr auch langsam klar zu werden. Heulend sitzt sie auf dem Boden der Gewahrsamszelle und macht sich Vorwürfe. Zurecht – wenn dem Kurzen was passiert… besser gar nicht drüber nachdenken. Ihre Berufsbetreuerin, die wir inzwischen angerufen haben, kommt zur Wache. Sie hilft Janis‘ Mutter durch’s sicher nicht besonders gut sortierte Leben und muss deshalb erfahren, was vorgefallen ist. Die junge Dame ist nicht nur extrem schnell bei uns sondern sie hat auch das erhoffte Insiderwissen. Telefonisch erreicht sie die Oma das Kleinen: Janis ist über das Wochenende bei ihr.

 Ja. Ihr lest richtig. Der Stöpsel ist bei Oma, und zwar schon seit Freitag. Erleichterung macht sich breit, als die Mitteilung über Funk an die Kollegen weitergegeben wird. Erleichterung und Fassungslosigkeit.  W a s   b i t t e  muss man für Drogen nehmen, die dem Hirn einer Mutter nach drei kinderfreien Tagen plötzlich von einer Sekunde auf die andere einspielen, das eigene Kind sei gerade weggelaufen??? W i e   b i t t e   darf ich mir das vorstellen??? Sagt Mama zu ihrem Freund irgendwann einfach: „Eeeyyyy, der Kleine ist weg!“ und der nicht minder bedrogte Typ, der es ja (rein theoretisch) auch besser wissen sollte, springt direkt drauf an und hilft suchen, während Mama Janis in fremden Wohnungen schreien hört und kurzum mit Bärenkräften Türen eintritt? Unfassbar. Ausdenken kann man sich das zumindest nicht.

Janis‘ Karten werden heute neu gemischt. Nach Mamas Ausfall wird er wohl so schnell nicht zu ihr zurück können. Aber die Betreuerin seiner Mutter und seine Oma werden einen Platz für ihn finden. Und die Mutter?! Die sammelt, um im Bild zu bleiben, gerade den Kartenstapel auf, den sie in den letzten Jahren mit Schmackes an die Wand gepfeffert hat. Vielleicht kann sie ja auch noch mal ordentlich neu mischen? Ein paar Joker würden ihr wohl nicht schaden.

Dürfte sie wählen, als sie da so wie ein Häufchen Elend zwischen verheulten Taschentüchern am Zellenboden sitzt, sie würde wohl die Zeit zurückdrehen. „Ich hab voll Scheiße gebaut“ wird ihr langsam klar, als wir ihr erklären, dass der Kleine nicht weggelaufen sondern seit zwei Tagen bei Oma ist, und dass sie ihn da abgegeben hat. „Ich hab mich tierisch abgeschossen!“ bringt Mama es auf den Punkt. Hat sie – und damit nicht nur den Überblick über ihr eigenes Leben sondern auch noch ihren eigenen Sohn komplett aus den Augen verloren.

Und das, obwohl der Kleine doch heute gar nicht da – und deshalb schon gar nicht weg – war. Hoffentlich spielt das Leben Janis die richtigen Karten zu… Oder von mir aus auch das Jugendamt. Ganz egal, Hauptsache, er gewinnt dabei.

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