Björn

Als wir in dieser Nacht mit dem Streifenwagen unsere Runden durchs Dorf drehen sind die Bürgersteige schon lange hochgeklappt. Aber wer wird sich auch hier rumtreiben, wochentags bei schuppigen 13 Grad und Nieselregen? Ein junger Mann sitzt einsam am Busbahnhof auf einer Wartebank, die Hände zwischen den Oberschenkeln verborgen. Bis in ein paar Stunden der erste Bus kommt werden nicht nur seine Hände sondern ganz sicher auch die Füße kalt. Scheint gestrandet zu sein, der Gute.

Fragen wir doch mal: „Guten Morgen! Alles in Ordnung bei Ihnen?“ – „Kalt!“ antwortet er kurz und bündig. Na gut, die Frage war vielleicht ein bisschen unglücklich gewählt… „Warten Sie auf den Bus? Das dauert aber noch…“ versuche ich das Gespräch mit einem Zwinkern voran zu bringen, während wir aus dem Auto steigen. Vielleicht können wir ihm ja helfen. Der hagere Mann, ich schätze ihn auf  Mitte 20, lächelt und reibt angestrengt seine Hände über die Oberschenkel. „Haben Sie einen Ausweis dabei, den Sie mir mal zeigen können?“ Erst bin ich nicht ganz sicher, ob er mich versteht, dann kramt in seiner Tasche und zückt ein säuberlich geordnetes Mäppchen mit seinem Schwerbehindertenausweis. „Ich glaube, wir bringen Sie mal nach Hause. Wär‘ das was?“ –  „Japp! Ich muss ins Heim!“ Während der Kollege die Rückbank des Streifenwagens frei räumt beeilt sich der junge Mann, er heißt übrigens Björn, im Auto Platz zu nehmen. Er scheint über unser Angebot, ihn zu chauffieren, ziemlich erleichtert zu sein und es stellt sich heraus, dass er nach dem Abendessen, oder nach dem Frühstück, oder vor dem Abendessen… eigentlich ist es ja jetzt auch egal… ein bisschen Bus gefahren ist und Freunde getroffen hat, von denen er inzwischen gar nicht mehr so genau weiß, wo die eigentlich wohnen. In seiner Aufregung, jetzt so in einem echten Streifenwagen sitzend, bringt Björn kaum noch ein verständliches Wort raus. Macht aber nichts. Wir unterhalten uns irgendwie trotzdem. „Ja“ und „nein“ klappen super, Björn lächelt und ist ziemlich fasziniert vom Funk, wo gerade Kollegen eine Personenfahndung abfragen. „Boah. Polizeifunk. Geil.“ Die meisten unserer Fahrgäste sind eher genervt. Björn hat sichtlich Spaß, bis ich alte Spaßbremse zurück zum Wesentlichen komme: „Gibt’s gleich wohl Schimpfe weil du so lange weg warst?“ – „Ja, ich muss arbeiten. Sechs Uhr aufstehen!“ Oha, wir haben halb vier… „Bjööörn! Sowas kannste aber auch nich‘ bringen, dir hier die Nacht um die Ohren schlagen. Das wird wenig Schlaf…“ Er ist etwas verlegen. 

Ein herzlicher Typ, sehr begeisterungsfähig für Autos mit Blaulicht und Funk und recht zufrieden sitzt der Nachtwanderer hinten neben dem Kollegen und zeigt uns mehr oder weniger zielstrebig, wo wir lang fahren sollen. „Hier! An dem Haus abbiegen. Nein. Da. Nein, warte – warte, da wohne ich.“ Naja, fast. Ich wende hier und wende dort, bis wir schließlich auf den Hof des Wohnheimes fahren. Die Betreuerin steht schon an der Tür und hebt mahnend den Zeigefinger. Oha, da gibt’s gleich ’ne Standpauke! Zurecht. Die Betreuerin hat Björn schon vermisst gemeldet und sich Sorgen gemacht, dass der junge Mann ein bisschen verloren gegangen sein könnte. Er schleicht sich. In zwei Stunden klingelt der Wecker, das ist Strafe genug und dass es angenehmeres geben könnte wird auch Björn langsam klar.

Vom Aufgabeln bis zum Abliefern hat dieser Einsatz vielleicht ein halbes Stündchen gedauert, da tingeln wir auch schon wieder durch’s Dorf und sind uns einig: Für exakt solche Bekanntschaften mögen wir unseren Beruf! Und jetzt sind wir gespannt, wen wir wohl als nächstes kennenlernen…

Wenn ihr euch also demnächst mal wieder fragt warum wir so verdammt langsam an euch vorbei streifen und so tierisch lange rüber gucken, während ihr doch nur auf den Bus wartet oder die Straße lang geht: Neeeiiin, wir halten nicht jeden für verdächtig. Es ist bloß manchmal  hilfreich, genauer hinzuschauen und die Björns einfach mal anzuquatschen.

Janis

Der Herbst ist da und weht, wie jedes Jahr, die ersten Blätter von den Bäumen. Außerdem bringt er uns die Kirmes ins Dorf. Nach dem wechselhaften Wetter der letzten Zeit ist das Kirmeswochenende passenderweise wunderbar sonnig und die Menschen strömen in die Innenstadt. Auf den Fahrgeschäften ist mächtig was los und heute, am Sonntag vor dem großen Abschlussfeuerwerk, soll als Höhepunkt der Festumzug stattfinden.

Der Frühdienst verläuft entsprechend unruhig. Zwei junge Männer schlafen, nach diversen nächtlichen Eskapaden, in den Zellen ihren Rausch aus. Die Kollegen räumen dem Kirmeszug den Weg frei und beseitigen zahlreiche Falschparker, Rentner rufen an und wollen sich mal ganz genau erklären lassen, wann denn welche Straße wie lange gesperrt wird und nebenbei zeigt noch der Eine oder Andere dies oder jenes an. Langweilig wird uns heute nicht.

Eine gute Stunde vor Feierabend, ich kann meine Couch nach zwei Wochen Frühdienst schon rufen hören, meldet ein Kollege von der Kirmes sich am Funk.

„Ich komme mit einer Personenfahndung. Mich hat gerade eine junge Frau angesprochen. Ihr kleiner Sohn wird vermisst. Er heißt Janis, ist drei Jahre alt und nur recht spärlich bekleidet. Als die Mutter was aus dem Auto geladen hat muss er weggelaufen sein. Sie hat mit ihren Freund zusammen schon alles abgesucht…“ Es folgt die Beschreibung des kleinen Ausreißers.

Ach! du! Scheiße! denke ich, wie soll man denn auf der Kirmes einen Deijährigen finden? Aber so kleine Stöpsel gehen normalerweise nicht einfach verloren. Die Suche beginnt. Jetzt halten auch sämtliche Kollegen die Augen offen, die Betreiber der Fahrgeschäfte, die Hilfsdienste, Verkehrsbetriebe… Wir informieren jeden, den wir erreichen können, damit Janis bald wieder bei Mama ist. Die Gute hat inzwischen über ihre Unachtsamkeit völlig die Fassung verloren. Sie meint, ihren Spross in einer Wohnung eines nahen Mehrfamilienhauses gehört zu haben und tritt dort in ihrer Verzweiflung mehrere Türen ein. Planlos, wie sie ist, trifft sie dort aber nicht auf ihren Janis sondern nur auf völlig perplexe Mieter, die mit seinem Verschwinden ü-ber-haupt nichts zu tun haben.

Damit die Mutter sich beruhigt und nicht noch durch andere verschlossene Türen geht, wird sie mit zur Wache genommen. Suchende Kollegen sind da draußen genug und in ihrem Zustand ist Mama leider wirklich keine Hilfe. Sie tobt, wie es nur eine Mutter tut, wenn dem Nachwuchs etwas zustößt und lässt sich erst in der Zelle langsam wieder runtersprechen. Wahnsinn. Inzwischen ist seit Einsatzbeginn eine gute Dreiviertelstunde vergangen. Der Junge kann quasi überall sein.  Ein Suchhund, der die Spur des kleinen Ausbrechers aufnehmen wird, reist aus der Nachbarbehörde an. Mit zunehmender Zeit, die wir Janis suchen, erhöht sich natürlich der Aufwand. Aber weit kann er ja eigentlich mit seinen kurzen Beinen nicht gekommen sein. Und so ein Dotz ganz ohne Mama auf der Kirmes, der müsste doch langsam mal auffallen?! Je mehr seine Mutter sich auf der Wache beruhigt und je mehr wir sie ausfragen, desto seltsamer wirkt sie auf uns. Das Wochenende hat sie wohl mit ihrem Freund durchgefeiert und sich reichlich Drogen und Alkohol reingepfiffen. Und dann läuft ihr das Kind weg? Geht’s noch?! Spinnt die? Sie hätte besser aufpassen müssen, und das scheint ihr auch langsam klar zu werden. Heulend sitzt sie auf dem Boden der Gewahrsamszelle und macht sich Vorwürfe. Zurecht – wenn dem Kurzen was passiert… besser gar nicht drüber nachdenken. Ihre Berufsbetreuerin, die wir inzwischen angerufen haben, kommt zur Wache. Sie hilft Janis‘ Mutter durch’s sicher nicht besonders gut sortierte Leben und muss deshalb erfahren, was vorgefallen ist. Die junge Dame ist nicht nur extrem schnell bei uns sondern sie hat auch das erhoffte Insiderwissen. Telefonisch erreicht sie die Oma das Kleinen: Janis ist über das Wochenende bei ihr.

 Ja. Ihr lest richtig. Der Stöpsel ist bei Oma, und zwar schon seit Freitag. Erleichterung macht sich breit, als die Mitteilung über Funk an die Kollegen weitergegeben wird. Erleichterung und Fassungslosigkeit.  W a s   b i t t e  muss man für Drogen nehmen, die dem Hirn einer Mutter nach drei kinderfreien Tagen plötzlich von einer Sekunde auf die andere einspielen, das eigene Kind sei gerade weggelaufen??? W i e   b i t t e   darf ich mir das vorstellen??? Sagt Mama zu ihrem Freund irgendwann einfach: „Eeeyyyy, der Kleine ist weg!“ und der nicht minder bedrogte Typ, der es ja (rein theoretisch) auch besser wissen sollte, springt direkt drauf an und hilft suchen, während Mama Janis in fremden Wohnungen schreien hört und kurzum mit Bärenkräften Türen eintritt? Unfassbar. Ausdenken kann man sich das zumindest nicht.

Janis‘ Karten werden heute neu gemischt. Nach Mamas Ausfall wird er wohl so schnell nicht zu ihr zurück können. Aber die Betreuerin seiner Mutter und seine Oma werden einen Platz für ihn finden. Und die Mutter?! Die sammelt, um im Bild zu bleiben, gerade den Kartenstapel auf, den sie in den letzten Jahren mit Schmackes an die Wand gepfeffert hat. Vielleicht kann sie ja auch noch mal ordentlich neu mischen? Ein paar Joker würden ihr wohl nicht schaden.

Dürfte sie wählen, als sie da so wie ein Häufchen Elend zwischen verheulten Taschentüchern am Zellenboden sitzt, sie würde wohl die Zeit zurückdrehen. „Ich hab voll Scheiße gebaut“ wird ihr langsam klar, als wir ihr erklären, dass der Kleine nicht weggelaufen sondern seit zwei Tagen bei Oma ist, und dass sie ihn da abgegeben hat. „Ich hab mich tierisch abgeschossen!“ bringt Mama es auf den Punkt. Hat sie – und damit nicht nur den Überblick über ihr eigenes Leben sondern auch noch ihren eigenen Sohn komplett aus den Augen verloren.

Und das, obwohl der Kleine doch heute gar nicht da – und deshalb schon gar nicht weg – war. Hoffentlich spielt das Leben Janis die richtigen Karten zu… Oder von mir aus auch das Jugendamt. Ganz egal, Hauptsache, er gewinnt dabei.