Och, Opi

Machen Sie endlich das Fenster hoch, es wird jetzt laut!“ – Die Geduld meiner Kollegin neigt sich dem Ende. „Ach, junge Frau, das ist nicht laut.“ erwidert der Opi am Steuer des kleinen Geländewagens und winkt ab. Ewig kann ich nicht mehr warten. Ich bin ein paar Meter vom Straßenrand die Böschung hoch gekraxelt und möchte das Reh, das sich verzweifelt von mir wegzuschleppen versucht, endlich von seinen Qualen erlösen. Wenn Opi jetzt dann mal sein Fenster hoch kurbeln würde, wäre die Gelegenheit.

Wir haben den Streifenwagen quer auf die Landstraße gestellt und die Kollegin hat den Verkehr aus der anderen Richtung angehalten… bis Opi kam, an der Fahrzeugschlange vorbeifuhr (warum auch warten, das machen ja schon die anderen) und die Nerven der Kollegin auf die Probe stellte. Das Reh kann kaum noch den Kopf heben. Wie lange es schwerverletzt auf der Straße gelegen hat, nachdem es angefahren und dann einfach liegen gelassen wurde, wissen wir nicht. Sicher ist aber, dass es schon viel zu lange leiden musste. Durch die Ohrstöpsel höre ich die Kollegin dumpf mit dem alten Herren diskutieren. Worum es genau geht bleibt mir verborgen. Gut so, ich hätte mich bloß aufgeregt. Jetzt endlich kurbelt er die Scheibe hoch, fährt er ein Stück vor und die Gefahr, dass gleich ein totes Reh die Böschung runter gegen sein Auto purzelt während er von meinem Schuss ein Piepen in den Ohren hat, sinkt. Jede Wette, dass ihm das noch weniger gepasst hätte als zu warten.

Die Fahrbahn ist frei. Die Kollegin hält sich die Ohren zu, die Autofahrer auch. Was Opi macht weiß ich nicht. Ein Schuss fällt und dann kullert auch das Reh, wie befürchtet, in Richtung Straße, bis es am Gehweg regungslos liegen bleibt. Ich stapfe gerade die Böschung wieder runter und beschließe, das Reh noch ein Stück zur Seite zu schlörren, als Opi neben mir hält. Was denn nun noch?

„Junge Frau…“ – „Ja?“ Ich versuche, nicht so genervt zu klingen wie ich es bin, wenn Opis, einfach um ein Gespräch zu führen, irgendwo den Verkehr aufhalten. Oder unsOpi fährt entrüstet fort: „Junge Frau, das war doch nicht laut. Wissen Sie, was laut war?“ er wird’s mir sagen: “Im Krieg, da war’s laut!“ – „Sie machen jetzt Ihr Fenster wieder hoch und die Straße frei!“ maule ich ihn an bevor er noch mehr Kriegsgeschichten auf Lager hat. Das passt ihm nicht, scheint aber angekommen zu sein. Während er sich noch leicht unzufrieden in den Bart murmelt, ich solle mich mal nicht so anstellen, fährt er weiter. Die Fahrzeugschlange hinter ihm auch.

Gegen Opis Erfahrungen ist ein Schuss aus der Dienstwaffe nur ein Klacks. Für mich ist er es nur dann, wenn es um Rehe geht. Ansonsten hoffe ich, ich muss die Waffe nur auf dem Schießstand in die Hand nehmen. Nicht nur wegen der Lautstärke…

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