Wo ist das Problem?

Na toll. Ich bin krankgeschrieben.

Während alle Welt sich medienwirksam kübelweise Eiswasser über die Hirse schüttet sitze ich mit mittelschwerem Lagerkoller auf dem Sofa und erwische mich dabei, im Nachmittags-TV-Programm Kochshows zu gucken während ich bei Facebook meinen Freunden mit Genörgel über meinen lädierten Fuß auf die Nerven falle. Laufen tut weh, ich vermisse die ausgiebigen Hunderunden, im Kühlschrank ist nicht ein einziger Schokopudding mehr und wenn hier nicht bald irgendwas passiert werde ich mich zu Tode gelangweilt haben. Ehrlich! Aber nicht nur ich horte einen ganzen Haufen unlösbarer Schwierigkeiten, auch die Protagonistin meiner heutigen Geschichte hatte es letztens schwer und wandte sich vertrauensvoll an ihre Polizei.

Da stand sie nun vor meinem Wachtisch in ihrem Business-Kostümchen und schob ihre modische Puck-die-Stubenfliegen-Sonnebrille neckisch hoch in die Businessfrauen-Frisur. „Guten Tag, es ist Ihre Pflicht mir zu helfen. Ich muss eine Anzeige erstatten!“ Na, das ist doch mal ein ambitionierter Gesprächseinstieg, dachte ich mir, denn was ich muss, das entscheide ich grundsätzlich schon am liebsten selbst, zumindest seit ich 18 bin. Ich habe freundlicherweise sogar meinem Orthopäden überlassen, wie er meinen Fuß versorgt – wozu hab ich schließlich meinen Beruf gelernt und er seinen? „Sagen Sie mir vielleicht erstmal, worum es geht, bevor Sie beschließen, was ich mache!“ zwinkerte ich ihr zu,  in der Hoffnung, die Situation ein wenig aufzulockern. „Nötigung. Sachbeschädigung. Ja!“ – „Äehm, ja?“ – „Ja, ich hatte einen Zettel am Auto! Ich hatte in dem Parkhaus geparkt, da am Markt in _____, und da hat mir jemand einen Zettel ans Auto gemacht.“ Den knallte die Business-Lady mir dann mit einer Entschlossenheit auf den Tisch, dass ich annehmen musste, es handele sich um ein Erpresserschreiben. Mindestens. Handelte es sich zu meiner Enttäuschung allerdings nicht, sondern um den Hinweis des Parkhauspersonals, dass die Dame ihren Pkw zukünftig bitte vorwärts in die Box stellen möge, um zu vermeiden, dass die weißen Wände von den Abgasen verschmutzt würden. In meiner Welt durchaus sinnvoll und erlaubt natürlich noch dazu, denn wer wie was in ein Parkhaus stellt, das entscheidet zunächst mal der, der es betreibt.

„Ja, da steht drauf, dass man nicht rückwärts einparken soll…“ – „Und das ist ja wohl mindestens eine Nötigung!“ fiel Madame mir ins Wort. Ist es nicht. Es ist ein Hinweis auf die Hausordnung. Und während ich erfolglos versuchte, der Falschparkerin klar zu machen wozu Strafanzeigen eigentlich dienen und wann man so eine erstatten kann, wetterte sie weiter. Nach ein paar Minuten Bedenkzeit und einem freundlichen Gespräch mit einem Kollegen  (der verwunderlicherweise meiner Meinung war) verabschiedete sich die Dame, von Beruf übrigens Rechtsanwältin, dann von der Wache, um den Zettel-am-Auto-Fall auf dem Zivilrechtsweg auszufechten. Was auch immer dort zu fechten ist.

Vermutlich ficht sie noch heute… und bringt mich auf die Frage, was eigentlich ein „richtiges Problem“ ist und ob die Anwältin eins hatte, wo ich doch finde, ein Zettel am Auto ist im Vergleich zu meinem matschigen Fuß eine unverschämt lächerliche Kleinigkeit. Ich habe jedes Recht zu jammern, ich hänge auf der Couch fest, ich kann nicht richtig laufen und noch nicht mal in Ruhe gucken gehen, was mir in den letzten Tagen alles für Zettel ans Auto gesteckt wurden.

…und dann, ja, dann höre ich von Jano (klick hier), einem jungen Spanier, der an ALS erkrankt ist, und dessen einst sportlichem Körper diese sch*** Krankheit mehr und mehr zusetzt, und ich schäme mich, mich über Langeweile, kaputte Füße und schlechte Fernsehprogramme beklagt zu haben. ALS ist zufällig genau die Krankheit, auf die viele Prominente und nicht Prominente gerade mit dem Hashtag #iceBucketChallenge aufmerksam machen. Und wo wir doch gerade draußen so viel kaltes Wasser von oben haben, wie wär’s, wenn wir uns die Mühe mit den Eimern schenken und eine kleine Spende nach Spanien schicken? Fühlt euch nominiert, Janos Familie kann Unterstützung brauchen und auf dem Weg ist zumindest klar, dass die Spenden nicht in irgendwelchen zwielichtigen Kanälen verschwinden.

Und wenn ihr demnächst einen Zettel am Auto, kaputte Füße oder sonst irgendeines dieser drängende Probleme habt, über die man sich täglich aufzuregen geneigt ist: macht’s wie ich, wechselt mal wieder die Perspektive und nicht nur euer eigenes Problem wird wieder kleiner, ihr habt auch den Blick frei für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Och, Opi

Machen Sie endlich das Fenster hoch, es wird jetzt laut!“ – Die Geduld meiner Kollegin neigt sich dem Ende. „Ach, junge Frau, das ist nicht laut.“ erwidert der Opi am Steuer des kleinen Geländewagens und winkt ab. Ewig kann ich nicht mehr warten. Ich bin ein paar Meter vom Straßenrand die Böschung hoch gekraxelt und möchte das Reh, das sich verzweifelt von mir wegzuschleppen versucht, endlich von seinen Qualen erlösen. Wenn Opi jetzt dann mal sein Fenster hoch kurbeln würde, wäre die Gelegenheit.

Wir haben den Streifenwagen quer auf die Landstraße gestellt und die Kollegin hat den Verkehr aus der anderen Richtung angehalten… bis Opi kam, an der Fahrzeugschlange vorbeifuhr (warum auch warten, das machen ja schon die anderen) und die Nerven der Kollegin auf die Probe stellte. Das Reh kann kaum noch den Kopf heben. Wie lange es schwerverletzt auf der Straße gelegen hat, nachdem es angefahren und dann einfach liegen gelassen wurde, wissen wir nicht. Sicher ist aber, dass es schon viel zu lange leiden musste. Durch die Ohrstöpsel höre ich die Kollegin dumpf mit dem alten Herren diskutieren. Worum es genau geht bleibt mir verborgen. Gut so, ich hätte mich bloß aufgeregt. Jetzt endlich kurbelt er die Scheibe hoch, fährt er ein Stück vor und die Gefahr, dass gleich ein totes Reh die Böschung runter gegen sein Auto purzelt während er von meinem Schuss ein Piepen in den Ohren hat, sinkt. Jede Wette, dass ihm das noch weniger gepasst hätte als zu warten.

Die Fahrbahn ist frei. Die Kollegin hält sich die Ohren zu, die Autofahrer auch. Was Opi macht weiß ich nicht. Ein Schuss fällt und dann kullert auch das Reh, wie befürchtet, in Richtung Straße, bis es am Gehweg regungslos liegen bleibt. Ich stapfe gerade die Böschung wieder runter und beschließe, das Reh noch ein Stück zur Seite zu schlörren, als Opi neben mir hält. Was denn nun noch?

„Junge Frau…“ – „Ja?“ Ich versuche, nicht so genervt zu klingen wie ich es bin, wenn Opis, einfach um ein Gespräch zu führen, irgendwo den Verkehr aufhalten. Oder unsOpi fährt entrüstet fort: „Junge Frau, das war doch nicht laut. Wissen Sie, was laut war?“ er wird’s mir sagen: “Im Krieg, da war’s laut!“ – „Sie machen jetzt Ihr Fenster wieder hoch und die Straße frei!“ maule ich ihn an bevor er noch mehr Kriegsgeschichten auf Lager hat. Das passt ihm nicht, scheint aber angekommen zu sein. Während er sich noch leicht unzufrieden in den Bart murmelt, ich solle mich mal nicht so anstellen, fährt er weiter. Die Fahrzeugschlange hinter ihm auch.

Gegen Opis Erfahrungen ist ein Schuss aus der Dienstwaffe nur ein Klacks. Für mich ist er es nur dann, wenn es um Rehe geht. Ansonsten hoffe ich, ich muss die Waffe nur auf dem Schießstand in die Hand nehmen. Nicht nur wegen der Lautstärke…