Platzverweis

Es ist Freitag. Das Wochenende beginnt, und damit auch ein kleines Stadtfest hier im Dorf. Bis zum Abend trinken die Gäste friedlich ihre Bierchen, essen Grillwurst und schauen in den Kneipen die erste Hälfte von Holland gegen Spanien. Ich möchte gern pünktlich Feierabend machen, dann schaffe ich es zum Anpfiff der zweiten Halbzeit aufs Sofa. Zwanzig Minuten soll der Spätdienst noch dauern, dann ist zumindest für uns heute Abpfiff.

Dann allerdings, mitten der ersten holländisch-spanischen Halbzeit, schwindet meine Hoffnung auf einen pünktlichen Feierabend. Es riecht nach einer Verlängerung. Auf dem Fest hat es eine kleine Schubserei gegeben, der Sicherheitsdienst hat die Streithähne getrennt. Wir fahren hin, um die Anzeige aufzunehmen. Schade, das war’s wohl mit dem Fernsehabend. Aber vielleicht sehe ich wenigstens das Ende des Spiels. Man wird ja genügsam. Kurz vor Ende von Halbzeit Eins haben wir den Sachverhalt aufgenommen und zwei Besoffene weggeschickt. Der etwas Nüchternere zerrt und schiebt an seinem Kumpel herum, damit der ihn zum Bahnhof begleitet und nicht alle Nase lang wieder umkehrt. „Jetzt komm, du Arschloch, das ist doch Scheiße hier: wir geh’n na’Hause!“ Die zwei verstehen sich. Und ich hoffe, seine direkte Art überzeugt den polizei- und knasterfahrenen Besoffski. Die ersten 300 Meter haben sie immerhin geschafft. Wenn sie nicht solche Schlangenlinien machten wären sie in fünf Minuten am Bahnhof.

Sind sie aber nicht. Wir haben uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgestellt und beobachten das Schauspiel. Einer zerrt, einer schimpft, zwei torkeln. „Das klappt im Leben nicht!“ spreche ich mein Bauchgefühl aus: „Die kommen niemals am Bahnhof an ohne dass der Besoffene noch irgendwen anpöbelt!“ Wir werden das Gefühl nicht los, er war gar nicht zum Feiern hier sondern eher, um sich zu prügeln. „Erlebnisorientiert“ nennt man das zuweilen, wenn Fußballfans nicht das Spiel sondern bloß Auseinandersetzungen außerhalb des Platzes erwarten. Und mit solchen Absichten scheint auch unser Kunde unterwegs zu sein.

 Ein letztes Stück zerrt ihn sein Begleiter noch über den Gehweg, bevor er entnervt aufgibt. Spritti nimmt Fahrt auf und stapft auf den Streifenwagen zu. „Passt auf: der will euch umbringen!“ bölkt sein Kumpel. Spritti ballt die Fäuste und kommt näher. Sein Begleiter hilft beim Denken: „Ey, Alter, die sind bewaffnet! Spinnst du!“ Ja, denke ich, tut er, und maule ihn an, jetzt sofort die Richtung zu ändern, wenn er nicht eingepfeffert werden möchte. Angesichts unserer Pfeffersprays und des Schlagstocks der Kollegin verlässt ihn in zehn Metern Abstand mitten auf der Kreuzung dann aber doch der Mut. Er dreht ab. „Dann gehe ich eben zurück und trink‘ was!“ – wir sind da anderer Meinung, können aber nicht riskieren, uns jetzt den Volleren zu schnappen. Erstens ist er polizeierfahren, zweitens ist er sicher schmerzfrei und drittens wissen wir nicht, was der Kumpel tut, wenn wir den Schreihals mitnehmen wollen. Also warten wir auf Kollegen.

Der Besoffene lässt sich von seinem Kumpel beraten: „Ehh, Alter. Wir geh’n jetzt! Komm ma‘ wieder klar. Wir geh’n jetzt!“ Der Alte ist aber zu voll und kommt nicht klar. Auch ein freundschaftlicher Klaps rückt die verkeilten Synapsen unseres Zellenbewohners in spe nicht mehr zurecht. Einige nicht viel pfiffigere Passanten meinen bei dem Geschrei der Beiden, sie seien miteinander im Clinch und beschimpfen uns: „Habt ihr nicht aufgepasst in der Schule oder was? Was seid ihr denn für Bullen? Der eine schlägt den anderen und ihr macht nix?“ Herrliche Stimmung hier. Die haben gerade noch gefehlt. Kaum hat man zwei von der Straße gescheucht kommen drei neue Experten dazu. Die Kolleginnen (wir sind zu dritt) versuchen, die Unbeteiligten zu beruhigen. Fehlanzeige.

Noch immer mit Pfeffer und Schlagstock bewaffnet balancieren wir jetzt auf zwei Pulverfässern. Zwischen uns die zwei Randalierer – hinter den Kolleginnen unsere Neukunden, die sich – warum auch immer – auf deren Seite geschlagen haben. Bis Spritti und sein Freund sie im nächsten Augenblick einmal komplett durchbeleidigen. Neue Fronten. Jetzt droht man nicht mehr uns sondern einander. Das soll mal einer verstehen, der kein Bier getrunken hat…

Gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten, in Unterzahl erst Recht. Langsam könnten die Kollegen mal dazu kommen, die wir vor einer gefühlten Ewigkeit hinzugerufen haben. Und die eigentlich Unbeteiligten dürften dann jetzt bitte gefälligst gehen. Das tun sie zum Glück. Die sehr deutlichen Worte der Kolleginnen zeigen Wirkung und wir können uns wieder auf unser Ursprungsproblem konzentrieren. Die Zwei sind mir auch unberechenbar genug. Irgendwann kommen die Kollegen und der Abend endet für den Vollsten in der Zelle und für den Zweitvollsten hoffentlich Zuhause.  Bis zum Abpfiff von Holland : Spanien haben wir es beide nicht vor den Fernseher geschafft. Aber der Tanz auf dem Vulkan ist gut gegangen und wir konnten Pfeffer uns Schlagstöcke unbenutzt zurück an den Koppel stecken. 1:0 für uns also, sauber über die Zeit gerettet – ein Ergebnis, mit dem wir sehr gut leben können.

In Heinsberg hat gestern ein Einsatz ein sehr viel traurigeres Ende genommen. Die Kollegen mussten zur Waffe greifen. Niemand rechnet mit sowas, wenn er zu einem Einsatz kommt. Trotzdem kann es täglich so weit kommen. Ich wünsche ihnen, dass sie den tödlichen Schuss gut verarbeiten können und sich von ihren Verletzungen bald erholen.

Was in Heinsberg passiert ist lest ihr hier.

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