Hauptsache, die Haare liegen

Ich habe euch einiges zugemutet in den letzten Postings, ihr habt jetzt einen Eindruck von meiner Arbeit, aber ich höre hier erst auf zu schreiben, wenn ich alles mal erlebt habe und ich vermute: das wird noch dauern.Gestern zum Beispiel hatten wir ein menschliches Drama zu bearbeiten, dessen Ausmaße mich völlig überforderten. Es war schrecklich. Und ich hoffe von Herzen, dass euch ähnlich Schreckliches nie, nie, niemals passiert. Besonders den Frauen!

Gemeinsam mit einer Kollegin und unserer Auszubildenden bestreife ich unser Dorf, bis uns die Leitstelle einen Einsatz verkauft: „Fahrt mal in die xxxxx-Straße 64, dortiges Friseurgeschäft. Da ist eine Kundin mit ihrem Haarschnitt unzufrieden!“ – „Äh?! Ja… verstanden… dann schauen wir mal, was wir tun können!“

Über diese augenscheinliche Lappalie schmunzelnd fahren wir drei Mädels also zum Friseur um einer gescholtenen Kundin aus der Patsche zu helfen. „Was sollen wir da? Ihr die Haare machen? Oder braucht sie nur seelischen Beistand?“ – wir werden schon sehen. Vor dem Geschäft erwartet uns die Geschädigte. 20 Jahr‘, schwarzes Haar, so stand sie vor uns.  Schmollend mit in die Seiten gestützten Armen und braunen Strähnchen auf dem Kopf. „Sie haben uns angerufen?“ leitet die Auszubildende möglichst neutral das Gespräch ein. Sätze wie: ‚Ach du Scheiße, wie sehen Sie denn aus?‘ oder ‚Warum sind Sie denn nicht drangekommen?‘ haben wir auf der Anfahrt nach kurzer Diskussion als Gesprächseinstiege verworfen. Schade eigentlich… „Ja, seeeeeeehen Sie nicht??? Alles orange!!!“ – Sehen wir nicht, sondern hören nun die Geschichte einer Frau, die partout darauf bestanden hat, ihre tiefschwarzen Haare von jetzt auf gleich mit blonden Strähnen aufzuhübschen. Während die weibliche Leserschaft sich gerade die Hände vor die Stirn schlägt sei den Männern erläutert: Geht nicht. Punkt. Die warnenden Worte der Friseurin, dass dies nicht ohne weiteres ginge, in den Wind schlagend hatte sie (nachdem ihr die umliegenden Friseure den Wunsch gar nicht erst erfüllen wollten) sage und schreibe 70.- Euro für blonde Strähnchen ausgegeben und es war passiert, was nicht hätte passieren dürfen: Die Farbe hatte sich wider erwarten nicht so entwickelt, wie Madame es sich vorstellte (sondern wie die Friseurin es prophezeit hatte).

Gut, dass unsere Praktikantin so ziemlich jeden Fall lösen kann. Gut, dass es für solche Fälle den Notruf gibt. Wir helfen gern. Vielleicht schmeckt euch ja mal ein Döner nicht, wir kommen dann nachwürzen, oder im Schwimmbad ist das Wasser zu hart oder beim Minigolf liegen Blätter auf der Bahn… es wird Lösungen geben. Wirklich beruhigend, dass sich bald niemand mehr selbst helfen kann, so wird uns wenigstens nicht langweilig.

Ach so: Wir könnten auch damit umgehen, wenn ihr euch ohne uns einigt. Macht gar nix. In der freien Zeit würden wir dann Streife fahren, Taschendiebe verdrängen oder Besoffene aus dem Straßenverkehr ziehen. Hätte auch was…

So Einsätze enden regelmäßig mit einem „Hinweis auf den Rechtsweg“ – vermutlich lacht sich über die Geschichte also jetzt gerade irgendwo ein Anwalt kaputt und bereitet eine Zivilgerichtsklage vor. Aber von irgendwas müssen die ja auch alle leben…

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