Nachtschicht

Seid ihr bereit für noch eine bedrückende Geschichte? Und eine sehr lange dazu? Die längste bisher, fürchte ich. Eigentlich hatte ich mir erstmal ein paar lustige oder zumindest verrückte Stories vorgenommen, aber irgendwie stand mir der Sinn dann doch danach, euch meinen vermutlich bisher traurigsten Einsatz zu erzählen. Das geht nicht in drei Zeilen – vielleicht lest ihr das Posting ja trotzdem. Und wenn nicht, dann kommt bald das nächste. Ein fröhliches. Versprochen. Der besagte Einsatz liegt Ende August fünf Jahre zurück. Die Details dieser Nacht verlieren sich in meinen Erinnerungen langsam und verwischen zu einem traurigen Ganzen. Manche Bilder sehe ich noch deutlich vor mir, wenn ich die Nacht Revue passieren lasse. Bevor auch die sich Stück für Stück verabschieden, blicken jetzt gemeinsam zurück in den August 2009. 

In dieser Nacht mache ich nicht mit meiner Stammdienstgruppe gemeinsam Dienst, sondern helfe bei einer andern Schicht aus. Ich fahre mit dem Dienstgruppenleiter, einem ruhigen, besonnenen und vor allem empathischen Kollegen, und weil ich von Natur aus tierisch neugierig bin freue ich mich, die Kollegen besser kennenzulernen, die ich sonst nur von der Übergabe zu Dienstbeginn kenne.

Die Nacht ist für einen Sonntag ungewöhnlich trubelig. Das laue Wetter hat den Einen oder Anderen länger als üblich vor die Tür gelockt und so haben wir hier und da Streitigkeiten zu schlichten, bevor es um kurz vor drei hektisch wird. Ein junger Fahrer ist mit seinem Sportwagen aus der Kurve geflogen. Offenbar hatte er deutlich zu viel Vertrauen in seine Fähigkeiten als Rallye-Pilot, bevor es seinen Boliden in einer engen Linkskurve um einen Baum gewickelt hat. Da er leider seinen Gurt nicht angelegt sondern hinter dem Fahrersitz her geführt hatte war dem Sitz nichts passiert, er selbst aber durch die Heckscheibe auf die Straße geschleudert worden. Wir fanden ihn in einem Trümmerfeld aus Plastik, Scherben und Blech auf der Fahrbahn liegend und waren froh, dass kurz nach uns auch Feuerwehr und Notarzt kamen. Unvorstellbar, dass man überhaupt durch die Heckscheibe passt. Ich möchte es nicht ausprobieren und ziehe es vor, mich weiterhin anzuschnallen. Wenn der Verletzte im Rettungswagen ist machen wir uns dann gleich auf der Straße breit. Aber dazu kommen wir nicht. Noch bevor wir uns eingerichtet und den Unfall aufzunehmen begonnen haben ruft uns auch schon wieder die Leitstelle: „21, seid ihr noch erforderlich? Wir haben einen Wohnhausbrand in der xxxxx-Straße. Die Feuerwehr rollt.“ Wir klinken uns aus der Unfallaufnahme aus. Die beiden Kollegen, die mit uns hier sind, müssen alleine klarkommen.

 Der Stimme des sonst unerschütterlich gelassenen Leitstellen-Kollegen nach zu urteilen haben wir keine Zeit zu verlieren. Er spricht zwar ruhig und sachlich, aber es schwingt eine besondere Ernsthaftigkeit mit. So ist das meistens: Die herausragenden Einsätze erkennt man nicht bloß am Stichwort sondern eher an der Stimme der Leitstelle. „Das ist doch Scheiße!“ flucht der Kollege, als wir mit Blaulicht und Horn in Richtung Innenstadt fahren: „Ein Brand um drei Uhr… normale Menschen sind seit elf Uhr im Bett. Wenn das seitdem brennt, dann…!“ Ich weiß, was er meint.

Gleichzeitig mit einem Streifenwagen aus dem Nachbarort und dem Löschzug  erreichen wir den Brandort. Ein Feuer sehen wir nicht, aber die Fahrbahn liegt in dichtem Rauch, der unser Blaulicht reflektiert. Mit jedem Aufblitzen sieht man Schwaden, die aus einem Hinterhof auf die Straße wabern. Wo kommt das her? Vielleicht doch das Bürogebäude eine Straße weiter? Leider nicht. Es herrscht ein Chaos aus eilig abgestellten Fahrzeugen und hektischen Feuerwehrmännern, in dem wir uns erst einmal einen Überblick zu verschaffen versuchen. Wir gehen durch die Einfahrt dem Rauch entgegen. Von der Straße dröhnen die Dieselmotoren. Die Straßenbeleuchtung reicht nicht bis zum Hinterhaus. Feuerwehrleute legen Schläuche, öffnen Hydranten und rufen einander Kommandos zu. Der Ton ist rau, wie er es meistens ist, wenn ein Rädchen ins andere greifen muss.

Vor dem Haus kniet eine Feuerwehrfrau neben zwei am Boden liegenden Menschen. Sie ist ausgebildete Notärztin und bei diesem Einsatz als freiwillige Feuerwehrfrau vor Ort. Jetzt hat sie eine Entscheidung zu treffen: Wem von den Beiden hilft sie zuerst? Wer ist überhaupt zu retten? Ich möchte niemals in die Situation kommen, so etwas zu entscheiden. Die leblosen Körper werden nach vorn zur Straße getragen. Der Frau kann niemand mehr helfen, sie ist so schwer verletzt, dass sie vor Ort verstirbt. Ihr Mann wird noch ins nahe Krankenhaus transportiert, auch er stirbt an den Folgen seiner Verletzungen. Die Nachbarn gegenüber des Brandhauses mit dem Gaffer-Platz in der ersten Reihe liegen staunend im Fenster. Direkt vor ihnen hat die Notärztin bis gerade versucht, die Frau zu retten. Als sie sich von der Verstorbenen abwendet öffnet einer der Gaffer die Haustür und filmt mit seinem Handy die Szene, während er über den zugedeckten Leichnam steigt. Mir fehlen die Worte. Zwei ebenso fassungslose Feuerwehrleute schieben den Schaulustigen bei Seite. 

Mein Kollege ist immerzu mit Funk und Telefon beschäftigt. Der Zeuge, der den Brand bemerkt und den Notruf abgesetzt hat, drückt mir förmlich zwei Kinder in die Hand. Er ist Nachbar der Brandwohnung und konnte die Kleinen von der Dachterrasse retten. „Wo ist mein Bruder?“ fragt mich der 4 Jahre alte Junge mehrmals. Die Frage werde ich so schnell nicht vergessen. Er weint nicht. Wahrscheinlich können er und seine Schwester nicht begreifen, was hier gerade passiert. Eigentlich kann ich es auch nicht. Ich rede mich raus, denn von einem Bruder weiß ich nichts und wie ich den Brand einschätze, wird in dem Haus niemand mehr überlebt haben. Der Kollege funkt und telefoniert noch immer permanent. Wie viele Kräfte werden benötigt? Wo sollen sie sich melden? Wie entwickelt sich die Lage? Er koordiniert den Einsatz vor Ort. Mehr als der Feuerwehr die Straße freizuhalten und Schaulustige wegzuschicken können wir nicht tun.

Die Feuerwehrleute sind einmal durch das Haus gegangen. Drinnen hat das Feuer das in Holz ausgebaute Treppenhaus derart zerstört, dass jedes weitere Betreten unvernünftig ist. Aber wo noch ein Hauch einer Chance besteht, einem Menschen zu helfen, da kann man die Jungs nicht aufhalten. Unter Atemschutz und mit Äxten versuchen sie, sich Zutritt zu allen Ecken der Wohnung zu schaffen. Alle paar Minuten werden die Kräfte im Haus ausgetauscht. Am Hofzugang stehen die Feuerwehrleute, die auf ihren Einsatz warten. Man sieht ihnen die Anspannung trotz Atemschutz und Helm deutlich an. Als sich herausstellt, dass sich in der Wohnung wirklich ein Säugling und ein Kleinkind befinden, suchen die Trupps noch einmal mit allen Mitteln. Nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich, wie ein kleines Bündel aus dem Haus getragen wird. Jetzt kenne ich die Antwort auf die Frage des Jungen. Natürlich gebe ich sie ihm nicht.  Einige Feuerwehrmänner, nach dem schrecklichen Fund im Brandhaus völlig ausgelaugt, schreien ihre Wut heraus. Einer trommelt wütend gegen die Fassade. Seine Kameraden beruhigen ihn. Schwer zu begreifen, dass sie den Kindern im Haus nicht helfen können. Die Retter wollen es nicht wahrhaben.

Inzwischen haben wir die Chaosphase überstanden. Der Einsatz läuft strukturiert. Kräfte aus der Nachbarbehörde unterstützen uns bei der Absperrung. Die Feuerwehr braucht reichlich Platz, um das schwer zu erreichende Feuer endgültig zu löschen, und wenn wir nicht höllisch aufpassen, schleichen sich die Gaffer mitten in die Einsatzstelle. Am Morgen werden wir aus dem Einsatz ausgelöst. Inzwischen ist es hell. Die Straße ist feucht. Meine Uniform riecht nach Rauch und ich bin irgendwas zwischen aufgekratzt und komplett erschöpft.

Der Einsatz ist zu Ende, aber einige der Bilder dieser Nacht haben sich mir eingeprägt. Auf der einen Seite der Feuerwehrmann, der über seine Machtlosigkeit völlig verzweifelt immer wieder mit aller Kraft gegen die Hauswand schlägt und auf der anderen Seite der Gaffer, der sensationsgeil über die Leiche steigt, sind hängen geblieben. Der eine hat bis zur Erschöpfung alles getan um Leben zu retten und dafür seine Gesundheit riskiert; der andere hat jeden Respekt gegenüber dem Leben und Sterben verloren. Und mehr als die Bilder klingt die Frage des Jungen in meinen Ohren nach, wenn ich an den Einsatz denke. „Wo ist mein Bruder?“ – Ich hätte ihm zu gern eine erfreuliche Antwort gegeben… Heute bin ich froh, dass der Einsatz schon so lange zurückliegt, dass die Bilder verschwommen und die Erinnerung inzwischen diffus sind. Das ist gesund und richtig so und schafft Platz für neue Eindrücke, die in Zukunft durch mein Hirn gesiebt werden.

Und falls ihr euch demnächst mal wieder ärgert über eure Polizei, die immer nur die kleinen Fische fängt, nie da ist, wenn man sie braucht und die lieber 35,- Euro fürs Parken in der Feuerwehrzufahrt kassiert als richtige Verbrecher zu fangen, schimpft halt weiter. Warum solltet ihr auch aufhören, denn ihr wisst ja: wenn’s ernst wird könnt ihr davon ausgehen dass wir trotzdem versuchen euch den A*sch zu retten. Wäre umso cooler, bis dahin nicht ganz so oft angemault zu werden. 

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