Platzverweis

Es ist Freitag. Das Wochenende beginnt, und damit auch ein kleines Stadtfest hier im Dorf. Bis zum Abend trinken die Gäste friedlich ihre Bierchen, essen Grillwurst und schauen in den Kneipen die erste Hälfte von Holland gegen Spanien. Ich möchte gern pünktlich Feierabend machen, dann schaffe ich es zum Anpfiff der zweiten Halbzeit aufs Sofa. Zwanzig Minuten soll der Spätdienst noch dauern, dann ist zumindest für uns heute Abpfiff.

Dann allerdings, mitten der ersten holländisch-spanischen Halbzeit, schwindet meine Hoffnung auf einen pünktlichen Feierabend. Es riecht nach einer Verlängerung. Auf dem Fest hat es eine kleine Schubserei gegeben, der Sicherheitsdienst hat die Streithähne getrennt. Wir fahren hin, um die Anzeige aufzunehmen. Schade, das war’s wohl mit dem Fernsehabend. Aber vielleicht sehe ich wenigstens das Ende des Spiels. Man wird ja genügsam. Kurz vor Ende von Halbzeit Eins haben wir den Sachverhalt aufgenommen und zwei Besoffene weggeschickt. Der etwas Nüchternere zerrt und schiebt an seinem Kumpel herum, damit der ihn zum Bahnhof begleitet und nicht alle Nase lang wieder umkehrt. „Jetzt komm, du Arschloch, das ist doch Scheiße hier: wir geh’n na’Hause!“ Die zwei verstehen sich. Und ich hoffe, seine direkte Art überzeugt den polizei- und knasterfahrenen Besoffski. Die ersten 300 Meter haben sie immerhin geschafft. Wenn sie nicht solche Schlangenlinien machten wären sie in fünf Minuten am Bahnhof.

Sind sie aber nicht. Wir haben uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgestellt und beobachten das Schauspiel. Einer zerrt, einer schimpft, zwei torkeln. „Das klappt im Leben nicht!“ spreche ich mein Bauchgefühl aus: „Die kommen niemals am Bahnhof an ohne dass der Besoffene noch irgendwen anpöbelt!“ Wir werden das Gefühl nicht los, er war gar nicht zum Feiern hier sondern eher, um sich zu prügeln. „Erlebnisorientiert“ nennt man das zuweilen, wenn Fußballfans nicht das Spiel sondern bloß Auseinandersetzungen außerhalb des Platzes erwarten. Und mit solchen Absichten scheint auch unser Kunde unterwegs zu sein.

 Ein letztes Stück zerrt ihn sein Begleiter noch über den Gehweg, bevor er entnervt aufgibt. Spritti nimmt Fahrt auf und stapft auf den Streifenwagen zu. „Passt auf: der will euch umbringen!“ bölkt sein Kumpel. Spritti ballt die Fäuste und kommt näher. Sein Begleiter hilft beim Denken: „Ey, Alter, die sind bewaffnet! Spinnst du!“ Ja, denke ich, tut er, und maule ihn an, jetzt sofort die Richtung zu ändern, wenn er nicht eingepfeffert werden möchte. Angesichts unserer Pfeffersprays und des Schlagstocks der Kollegin verlässt ihn in zehn Metern Abstand mitten auf der Kreuzung dann aber doch der Mut. Er dreht ab. „Dann gehe ich eben zurück und trink‘ was!“ – wir sind da anderer Meinung, können aber nicht riskieren, uns jetzt den Volleren zu schnappen. Erstens ist er polizeierfahren, zweitens ist er sicher schmerzfrei und drittens wissen wir nicht, was der Kumpel tut, wenn wir den Schreihals mitnehmen wollen. Also warten wir auf Kollegen.

Der Besoffene lässt sich von seinem Kumpel beraten: „Ehh, Alter. Wir geh’n jetzt! Komm ma‘ wieder klar. Wir geh’n jetzt!“ Der Alte ist aber zu voll und kommt nicht klar. Auch ein freundschaftlicher Klaps rückt die verkeilten Synapsen unseres Zellenbewohners in spe nicht mehr zurecht. Einige nicht viel pfiffigere Passanten meinen bei dem Geschrei der Beiden, sie seien miteinander im Clinch und beschimpfen uns: „Habt ihr nicht aufgepasst in der Schule oder was? Was seid ihr denn für Bullen? Der eine schlägt den anderen und ihr macht nix?“ Herrliche Stimmung hier. Die haben gerade noch gefehlt. Kaum hat man zwei von der Straße gescheucht kommen drei neue Experten dazu. Die Kolleginnen (wir sind zu dritt) versuchen, die Unbeteiligten zu beruhigen. Fehlanzeige.

Noch immer mit Pfeffer und Schlagstock bewaffnet balancieren wir jetzt auf zwei Pulverfässern. Zwischen uns die zwei Randalierer – hinter den Kolleginnen unsere Neukunden, die sich – warum auch immer – auf deren Seite geschlagen haben. Bis Spritti und sein Freund sie im nächsten Augenblick einmal komplett durchbeleidigen. Neue Fronten. Jetzt droht man nicht mehr uns sondern einander. Das soll mal einer verstehen, der kein Bier getrunken hat…

Gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten, in Unterzahl erst Recht. Langsam könnten die Kollegen mal dazu kommen, die wir vor einer gefühlten Ewigkeit hinzugerufen haben. Und die eigentlich Unbeteiligten dürften dann jetzt bitte gefälligst gehen. Das tun sie zum Glück. Die sehr deutlichen Worte der Kolleginnen zeigen Wirkung und wir können uns wieder auf unser Ursprungsproblem konzentrieren. Die Zwei sind mir auch unberechenbar genug. Irgendwann kommen die Kollegen und der Abend endet für den Vollsten in der Zelle und für den Zweitvollsten hoffentlich Zuhause.  Bis zum Abpfiff von Holland : Spanien haben wir es beide nicht vor den Fernseher geschafft. Aber der Tanz auf dem Vulkan ist gut gegangen und wir konnten Pfeffer uns Schlagstöcke unbenutzt zurück an den Koppel stecken. 1:0 für uns also, sauber über die Zeit gerettet – ein Ergebnis, mit dem wir sehr gut leben können.

In Heinsberg hat gestern ein Einsatz ein sehr viel traurigeres Ende genommen. Die Kollegen mussten zur Waffe greifen. Niemand rechnet mit sowas, wenn er zu einem Einsatz kommt. Trotzdem kann es täglich so weit kommen. Ich wünsche ihnen, dass sie den tödlichen Schuss gut verarbeiten können und sich von ihren Verletzungen bald erholen.

Was in Heinsberg passiert ist lest ihr hier.

Hauptsache, die Haare liegen

Ich habe euch einiges zugemutet in den letzten Postings, ihr habt jetzt einen Eindruck von meiner Arbeit, aber ich höre hier erst auf zu schreiben, wenn ich alles mal erlebt habe und ich vermute: das wird noch dauern.Gestern zum Beispiel hatten wir ein menschliches Drama zu bearbeiten, dessen Ausmaße mich völlig überforderten. Es war schrecklich. Und ich hoffe von Herzen, dass euch ähnlich Schreckliches nie, nie, niemals passiert. Besonders den Frauen!

Gemeinsam mit einer Kollegin und unserer Auszubildenden bestreife ich unser Dorf, bis uns die Leitstelle einen Einsatz verkauft: „Fahrt mal in die xxxxx-Straße 64, dortiges Friseurgeschäft. Da ist eine Kundin mit ihrem Haarschnitt unzufrieden!“ – „Äh?! Ja… verstanden… dann schauen wir mal, was wir tun können!“

Über diese augenscheinliche Lappalie schmunzelnd fahren wir drei Mädels also zum Friseur um einer gescholtenen Kundin aus der Patsche zu helfen. „Was sollen wir da? Ihr die Haare machen? Oder braucht sie nur seelischen Beistand?“ – wir werden schon sehen. Vor dem Geschäft erwartet uns die Geschädigte. 20 Jahr‘, schwarzes Haar, so stand sie vor uns.  Schmollend mit in die Seiten gestützten Armen und braunen Strähnchen auf dem Kopf. „Sie haben uns angerufen?“ leitet die Auszubildende möglichst neutral das Gespräch ein. Sätze wie: ‚Ach du Scheiße, wie sehen Sie denn aus?‘ oder ‚Warum sind Sie denn nicht drangekommen?‘ haben wir auf der Anfahrt nach kurzer Diskussion als Gesprächseinstiege verworfen. Schade eigentlich… „Ja, seeeeeeehen Sie nicht??? Alles orange!!!“ – Sehen wir nicht, sondern hören nun die Geschichte einer Frau, die partout darauf bestanden hat, ihre tiefschwarzen Haare von jetzt auf gleich mit blonden Strähnen aufzuhübschen. Während die weibliche Leserschaft sich gerade die Hände vor die Stirn schlägt sei den Männern erläutert: Geht nicht. Punkt. Die warnenden Worte der Friseurin, dass dies nicht ohne weiteres ginge, in den Wind schlagend hatte sie (nachdem ihr die umliegenden Friseure den Wunsch gar nicht erst erfüllen wollten) sage und schreibe 70.- Euro für blonde Strähnchen ausgegeben und es war passiert, was nicht hätte passieren dürfen: Die Farbe hatte sich wider erwarten nicht so entwickelt, wie Madame es sich vorstellte (sondern wie die Friseurin es prophezeit hatte).

Gut, dass unsere Praktikantin so ziemlich jeden Fall lösen kann. Gut, dass es für solche Fälle den Notruf gibt. Wir helfen gern. Vielleicht schmeckt euch ja mal ein Döner nicht, wir kommen dann nachwürzen, oder im Schwimmbad ist das Wasser zu hart oder beim Minigolf liegen Blätter auf der Bahn… es wird Lösungen geben. Wirklich beruhigend, dass sich bald niemand mehr selbst helfen kann, so wird uns wenigstens nicht langweilig.

Ach so: Wir könnten auch damit umgehen, wenn ihr euch ohne uns einigt. Macht gar nix. In der freien Zeit würden wir dann Streife fahren, Taschendiebe verdrängen oder Besoffene aus dem Straßenverkehr ziehen. Hätte auch was…

So Einsätze enden regelmäßig mit einem „Hinweis auf den Rechtsweg“ – vermutlich lacht sich über die Geschichte also jetzt gerade irgendwo ein Anwalt kaputt und bereitet eine Zivilgerichtsklage vor. Aber von irgendwas müssen die ja auch alle leben…

Nachtschicht

Seid ihr bereit für noch eine bedrückende Geschichte? Und eine sehr lange dazu? Die längste bisher, fürchte ich. Eigentlich hatte ich mir erstmal ein paar lustige oder zumindest verrückte Stories vorgenommen, aber irgendwie stand mir der Sinn dann doch danach, euch meinen vermutlich bisher traurigsten Einsatz zu erzählen. Das geht nicht in drei Zeilen – vielleicht lest ihr das Posting ja trotzdem. Und wenn nicht, dann kommt bald das nächste. Ein fröhliches. Versprochen. Der besagte Einsatz liegt Ende August fünf Jahre zurück. Die Details dieser Nacht verlieren sich in meinen Erinnerungen langsam und verwischen zu einem traurigen Ganzen. Manche Bilder sehe ich noch deutlich vor mir, wenn ich die Nacht Revue passieren lasse. Bevor auch die sich Stück für Stück verabschieden, blicken jetzt gemeinsam zurück in den August 2009. 

In dieser Nacht mache ich nicht mit meiner Stammdienstgruppe gemeinsam Dienst, sondern helfe bei einer andern Schicht aus. Ich fahre mit dem Dienstgruppenleiter, einem ruhigen, besonnenen und vor allem empathischen Kollegen, und weil ich von Natur aus tierisch neugierig bin freue ich mich, die Kollegen besser kennenzulernen, die ich sonst nur von der Übergabe zu Dienstbeginn kenne.

Die Nacht ist für einen Sonntag ungewöhnlich trubelig. Das laue Wetter hat den Einen oder Anderen länger als üblich vor die Tür gelockt und so haben wir hier und da Streitigkeiten zu schlichten, bevor es um kurz vor drei hektisch wird. Ein junger Fahrer ist mit seinem Sportwagen aus der Kurve geflogen. Offenbar hatte er deutlich zu viel Vertrauen in seine Fähigkeiten als Rallye-Pilot, bevor es seinen Boliden in einer engen Linkskurve um einen Baum gewickelt hat. Da er leider seinen Gurt nicht angelegt sondern hinter dem Fahrersitz her geführt hatte war dem Sitz nichts passiert, er selbst aber durch die Heckscheibe auf die Straße geschleudert worden. Wir fanden ihn in einem Trümmerfeld aus Plastik, Scherben und Blech auf der Fahrbahn liegend und waren froh, dass kurz nach uns auch Feuerwehr und Notarzt kamen. Unvorstellbar, dass man überhaupt durch die Heckscheibe passt. Ich möchte es nicht ausprobieren und ziehe es vor, mich weiterhin anzuschnallen. Wenn der Verletzte im Rettungswagen ist machen wir uns dann gleich auf der Straße breit. Aber dazu kommen wir nicht. Noch bevor wir uns eingerichtet und den Unfall aufzunehmen begonnen haben ruft uns auch schon wieder die Leitstelle: „21, seid ihr noch erforderlich? Wir haben einen Wohnhausbrand in der xxxxx-Straße. Die Feuerwehr rollt.“ Wir klinken uns aus der Unfallaufnahme aus. Die beiden Kollegen, die mit uns hier sind, müssen alleine klarkommen.

 Der Stimme des sonst unerschütterlich gelassenen Leitstellen-Kollegen nach zu urteilen haben wir keine Zeit zu verlieren. Er spricht zwar ruhig und sachlich, aber es schwingt eine besondere Ernsthaftigkeit mit. So ist das meistens: Die herausragenden Einsätze erkennt man nicht bloß am Stichwort sondern eher an der Stimme der Leitstelle. „Das ist doch Scheiße!“ flucht der Kollege, als wir mit Blaulicht und Horn in Richtung Innenstadt fahren: „Ein Brand um drei Uhr… normale Menschen sind seit elf Uhr im Bett. Wenn das seitdem brennt, dann…!“ Ich weiß, was er meint.

Gleichzeitig mit einem Streifenwagen aus dem Nachbarort und dem Löschzug  erreichen wir den Brandort. Ein Feuer sehen wir nicht, aber die Fahrbahn liegt in dichtem Rauch, der unser Blaulicht reflektiert. Mit jedem Aufblitzen sieht man Schwaden, die aus einem Hinterhof auf die Straße wabern. Wo kommt das her? Vielleicht doch das Bürogebäude eine Straße weiter? Leider nicht. Es herrscht ein Chaos aus eilig abgestellten Fahrzeugen und hektischen Feuerwehrmännern, in dem wir uns erst einmal einen Überblick zu verschaffen versuchen. Wir gehen durch die Einfahrt dem Rauch entgegen. Von der Straße dröhnen die Dieselmotoren. Die Straßenbeleuchtung reicht nicht bis zum Hinterhaus. Feuerwehrleute legen Schläuche, öffnen Hydranten und rufen einander Kommandos zu. Der Ton ist rau, wie er es meistens ist, wenn ein Rädchen ins andere greifen muss.

Vor dem Haus kniet eine Feuerwehrfrau neben zwei am Boden liegenden Menschen. Sie ist ausgebildete Notärztin und bei diesem Einsatz als freiwillige Feuerwehrfrau vor Ort. Jetzt hat sie eine Entscheidung zu treffen: Wem von den Beiden hilft sie zuerst? Wer ist überhaupt zu retten? Ich möchte niemals in die Situation kommen, so etwas zu entscheiden. Die leblosen Körper werden nach vorn zur Straße getragen. Der Frau kann niemand mehr helfen, sie ist so schwer verletzt, dass sie vor Ort verstirbt. Ihr Mann wird noch ins nahe Krankenhaus transportiert, auch er stirbt an den Folgen seiner Verletzungen. Die Nachbarn gegenüber des Brandhauses mit dem Gaffer-Platz in der ersten Reihe liegen staunend im Fenster. Direkt vor ihnen hat die Notärztin bis gerade versucht, die Frau zu retten. Als sie sich von der Verstorbenen abwendet öffnet einer der Gaffer die Haustür und filmt mit seinem Handy die Szene, während er über den zugedeckten Leichnam steigt. Mir fehlen die Worte. Zwei ebenso fassungslose Feuerwehrleute schieben den Schaulustigen bei Seite. 

Mein Kollege ist immerzu mit Funk und Telefon beschäftigt. Der Zeuge, der den Brand bemerkt und den Notruf abgesetzt hat, drückt mir förmlich zwei Kinder in die Hand. Er ist Nachbar der Brandwohnung und konnte die Kleinen von der Dachterrasse retten. „Wo ist mein Bruder?“ fragt mich der 4 Jahre alte Junge mehrmals. Die Frage werde ich so schnell nicht vergessen. Er weint nicht. Wahrscheinlich können er und seine Schwester nicht begreifen, was hier gerade passiert. Eigentlich kann ich es auch nicht. Ich rede mich raus, denn von einem Bruder weiß ich nichts und wie ich den Brand einschätze, wird in dem Haus niemand mehr überlebt haben. Der Kollege funkt und telefoniert noch immer permanent. Wie viele Kräfte werden benötigt? Wo sollen sie sich melden? Wie entwickelt sich die Lage? Er koordiniert den Einsatz vor Ort. Mehr als der Feuerwehr die Straße freizuhalten und Schaulustige wegzuschicken können wir nicht tun.

Die Feuerwehrleute sind einmal durch das Haus gegangen. Drinnen hat das Feuer das in Holz ausgebaute Treppenhaus derart zerstört, dass jedes weitere Betreten unvernünftig ist. Aber wo noch ein Hauch einer Chance besteht, einem Menschen zu helfen, da kann man die Jungs nicht aufhalten. Unter Atemschutz und mit Äxten versuchen sie, sich Zutritt zu allen Ecken der Wohnung zu schaffen. Alle paar Minuten werden die Kräfte im Haus ausgetauscht. Am Hofzugang stehen die Feuerwehrleute, die auf ihren Einsatz warten. Man sieht ihnen die Anspannung trotz Atemschutz und Helm deutlich an. Als sich herausstellt, dass sich in der Wohnung wirklich ein Säugling und ein Kleinkind befinden, suchen die Trupps noch einmal mit allen Mitteln. Nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich, wie ein kleines Bündel aus dem Haus getragen wird. Jetzt kenne ich die Antwort auf die Frage des Jungen. Natürlich gebe ich sie ihm nicht.  Einige Feuerwehrmänner, nach dem schrecklichen Fund im Brandhaus völlig ausgelaugt, schreien ihre Wut heraus. Einer trommelt wütend gegen die Fassade. Seine Kameraden beruhigen ihn. Schwer zu begreifen, dass sie den Kindern im Haus nicht helfen können. Die Retter wollen es nicht wahrhaben.

Inzwischen haben wir die Chaosphase überstanden. Der Einsatz läuft strukturiert. Kräfte aus der Nachbarbehörde unterstützen uns bei der Absperrung. Die Feuerwehr braucht reichlich Platz, um das schwer zu erreichende Feuer endgültig zu löschen, und wenn wir nicht höllisch aufpassen, schleichen sich die Gaffer mitten in die Einsatzstelle. Am Morgen werden wir aus dem Einsatz ausgelöst. Inzwischen ist es hell. Die Straße ist feucht. Meine Uniform riecht nach Rauch und ich bin irgendwas zwischen aufgekratzt und komplett erschöpft.

Der Einsatz ist zu Ende, aber einige der Bilder dieser Nacht haben sich mir eingeprägt. Auf der einen Seite der Feuerwehrmann, der über seine Machtlosigkeit völlig verzweifelt immer wieder mit aller Kraft gegen die Hauswand schlägt und auf der anderen Seite der Gaffer, der sensationsgeil über die Leiche steigt, sind hängen geblieben. Der eine hat bis zur Erschöpfung alles getan um Leben zu retten und dafür seine Gesundheit riskiert; der andere hat jeden Respekt gegenüber dem Leben und Sterben verloren. Und mehr als die Bilder klingt die Frage des Jungen in meinen Ohren nach, wenn ich an den Einsatz denke. „Wo ist mein Bruder?“ – Ich hätte ihm zu gern eine erfreuliche Antwort gegeben… Heute bin ich froh, dass der Einsatz schon so lange zurückliegt, dass die Bilder verschwommen und die Erinnerung inzwischen diffus sind. Das ist gesund und richtig so und schafft Platz für neue Eindrücke, die in Zukunft durch mein Hirn gesiebt werden.

Und falls ihr euch demnächst mal wieder ärgert über eure Polizei, die immer nur die kleinen Fische fängt, nie da ist, wenn man sie braucht und die lieber 35,- Euro fürs Parken in der Feuerwehrzufahrt kassiert als richtige Verbrecher zu fangen, schimpft halt weiter. Warum solltet ihr auch aufhören, denn ihr wisst ja: wenn’s ernst wird könnt ihr davon ausgehen dass wir trotzdem versuchen euch den A*sch zu retten. Wäre umso cooler, bis dahin nicht ganz so oft angemault zu werden. 

Vorbilder

Habt ihr Vorbilder? 

Die meisten vermutlich schon. Es müssen ja nicht die Beatles sein, Lothar Matthäus oder Angela Merkel. Vielleicht sind es ja auch euer Nachbar, der immer die Hecke so ordentlich stutzt, oder euer Chef, den so leicht nichts aus der Ruhe bringt?! Prinzessin Lillifee für die rosa Mädchen oder doch Lukas Podolski?! Ich habe Vorbilder. Sie sind nicht halb so glamourös, dafür aber deutlich greifbarer als die Stars und Sternchen aus dem Fernsehen. Meine Mutter zum Beispiel ist ein tolles Vorbild, weil sie ihren Papierkram immer so gut im Griff hat und mit einem Blick in den Schrank den Beleg der vor zehn Jahren angeschafften Bohrmaschine für etwaige Reklamationen zückt. Oder meinen Vater, der mit der zehn Jahre alten Bohrmaschine alle paar Jahre meine Küchenschränke in neue Wohnungen hängt und nebenbei auch noch Abflussrohre, Terrassen und Lampen zusammenklöppelt. Wenn ich von Beiden noch ein wenig abschauen kann schrumpft bald der Papierstapel auf meinem Schreibtisch und in einem besonders gewissenhaften Augenblick lackiere ich vielleicht sogar die Rolladenkästen, kaufe Fußleisten und hefte anschließend die Quittungen ab. Wegen der Reklamationen. Ihr wisst schon.

Ich kriege das jedenfalls heutzutage hin weil ich es mir immer abgucken konnte. Das Schrauben und das Heften… und so, so vieles andere auch… Der junge Mann in meiner heutigen Geschichte hatte auch ein Vorbild, das ihm zeigen wollte, wie Erwachsene sich verhalten. Die Geschichte ist älter, aber das Thema ist immer aktuell. An einem Freitag im Sommer ruft die Leitstelle uns am Funk. Es hat einen Verkehrsunfall gegeben, irgendwo außerhalb. „Fahrt mal hinter die Ortschaft xxxxxx, ich kann nicht sagen, wie die Straße heißt. Wenn ihr euch rechts haltet und durch den Wald kommt müsstet ihr den Pkw finden. Anrufer ist der Beifahrer.“ Wir suchen. Wälder gibt es hinter den Ortschaften viele, Einmündungen ohne Straßenschilder noch mehr, und die wenigen Minuten, die wir über die schmalen Wege irren, kommen mir ewig vor. Die Straßen hier sind eng. Wenn uns ein Fahrzeug entgegen kommt muss einer von uns auf den Seitenstreifen ausweichen. Im Schritttempo kann man einander passieren.  Der Kollege auf der Leitstelle ist sich sicher, dass es kein Spaßvogel war, der uns gerufen und veräppelt hat. „Das klang echt. Sucht mal weiter!“ drängt er uns. Wir schalten das Blaulicht ein. Vielleicht sieht der Anrufer uns uns macht irgendwie auf sich aufmerksam. In der hügeligen Landschaft sehen wir einige Kilometer entfernt einen Löschzug der Feuerwehr mit Blaulicht. Die Jungs suchen auch. Verdammt. Das muss sich doch finden lassen.

„Da!“ wir haben den Wagen gefunden. Ein wuchtiger Volvo Kombi steht mit eingedrückter Front an einer Einmündung vor einem Stahlpoller. Auf der Fahrerseite hat sich der Poller einen halben Meter in die Motorhaube des Wagens gedrückt. Der Volvo entpuppt sich als ziemlich robust. Der Innenraum ist nicht zusammengeschoben und die Airbags sind ausgelöst. Der Fahrer liegt leblos auf dem Lenkrad. Der Junge auf dem Beifahrersitz schüttelt ihn zwischendurch. Über dem Lenkrad ist die Frontscheibe ein bisschen gesplittert. Die Tachonadel klemmt bei 130 km/h fest. Ich ahne Böses.

Endlich: die Feuerwehr und der Rettungswagen treffen ein. Die Männer umringen das Fahrzeug und beginnen, die Fahrertür aufzubiegen. Der Mann hinter dem Steuer bewegt sich nicht. Der Beifahrer kann aussteigen. Er wird in den Rettungswagen gebracht und ist nur leicht verletzt. Sein Nacken schmerzt. Mit den Knien ist er gegen das Handschuhfach gestoßen und an der rechten Schulter schwillt ein dicker blauer Fleck an. Der Gurt hat ihn gewaltig gebremst. Von 130 auf Null in wenigen Metern. Ich möchte es nicht ausprobieren. Draußen werden die Feuerwehrleute immer hektischer, bis die klemmende Fahrertür sich endlich öffnen lässt.

Dann, plötzlich, lässt die Unruhe nach. Die Feuerwehrmänner räumen ihr Werkzeug ins Auto. Der Notarzt winkt mich zu sich rüber. Dem Fahrer konnten die Retter nicht mehr helfen. Er hat den Aufprall auf die Frontscheibe nicht überlebt. Sein Sohn, der junge Mann vom Beifahrersitz, erzählt uns, wie der Unfall passiert ist.  Es ist sein 18. Geburtstag. Sein Vater hat ihn überraschend an der Berufsschule mit dem Auto abgeholt. Vorher hat er am Straßenverkehrsamt Sohnemanns flammneuen Führerschein in Empfang genommen. Dann durfte der Junge das erste Mal fahren. Papa lotste ihn raus aus dem Dorf, auf die Landstraßen. Dann hatte er die verhängnisvolle Idee, seinem Sproß mal zu zeigen, wo er früher als Halbstarker „richtig schnell gefahren“ ist. Die Zwei haben einen Fahrerwechsel gemacht. Papa wollte zeigen, was er konnte. Noch war er dem Jungen fahrerisch überlegen, das wollte er ihm beweisen. Die Strecke kannte er gut, aber heute hat er übertrieben. Mit 130 km/h kann niemand diese Kurve nehmen. Genau hier steht dieser eine Stahlpfosten, der das Gatter zur Kuhweide hält. Genau hier endete die Fahrt. Hätte Papa sich doch nur angeschnallt…

 Ich werde nie verstehen, wie risikobereit manche Menschen auf der Straße sind. Aber ich nehme weiter solche Unfälle auf. Oft sind die Autos komplett hinüber, hier nicht. Hier hatten beide die gleichen Chancen, aber nur einer hatte einen Gurt.