Erstens kommt es anders…

Ich habe einen Text vom letzten Jahr heraus gekramt. Er ist ein bisschen anders als die anderen. Und er ist lang… dafür aber schnell. Ich kann euch nicht verraten, wie die Geschichte weitergeht, weil ich von der Familie nie wieder gehört habe. Ich hoffe, das ist ein gutes Zeichen. Na dann. Los geht’s:

Stell dir vor, du bist Anfang fünfzig, dein ältester Sohn hat ein tolles Abi gemacht und studiert Jura in Münster. In den letzten Semesterferien genießt er einen Urlaub in den Bergen. Bei einem Ausflug in eine Grotte wird er mit seiner Freundin versehentlich eingeschlossen. In Todesangst versucht er im Dunkeln aus der Grotte zu klettern. Am nächsten Tag wird er gerettet.

Um die Sache zu verarbeiten war er beim Psychiater. Er nimmt Tabletten, die ihm ganz gut helfen, seine Ängste bei Dunkelheit und Einsamkeit in den Griff zu bekommen. Nach einigen Wochen scheint das Schlimmste überstanden zu sein. Er ist zurück im Leben, trifft auch wieder Freunde. Ein paar Monate später ruft dich die Freundin deines Sohnes aus Münster an. Seit dem Vorfall in den Bergen hat er sich verändert. Sie ist deinem Sohn in der Stadt begegnet. Er hatte keine Schuhe an und redete wirres Zeug. Zur Uni schafft er es nicht mehr. Er behauptet, er werde abgehört und verfolgt, sein Handy und ein paar andere Dinge, die ihm früher wichtig waren, hat er zerschlagen. Er wird ein Einzelgänger. Seine Freunde versuchen zuerst noch, ihn zum Psychiater zu bringen. Er schreit sie an. Das hat er noch nie gemacht. Langsam fürchten sie sich vor ihm. Ihr schafft es, ihn zurück zu euch nach Hause in sein Jugendzimmer zu holen. Vielleicht könnt ihr ihn überzeugen, sich helfen zu lassen. Könnt ihr aber nicht. Er dreht immer mehr ab. Neuerdings trinkt er viel Alkohol – natürlich nur harte Sachen. Ihr traut euch nicht mehr ihm zu sagen, dass er krank ist. Er will es nicht hören und wird sofort laut. Sein Geschrei macht euch Angst. Letzte Nacht hat er sich einen kleinen Koffer und ein recht großes Messer genommen und wollte barfuß nach Berlin laufen. Da will er mit den Politikern reden. „Frau Kraft muss dafür büßen, dass er überwacht wird!“ hat er geschrien. Dann ist er los. Ihr habt die Polizei gerufen. Am Ende wurde er wieder nach Hause gebracht. Das Ordnungsamt meint, er sei zwar krank, aber nicht gefährlich. Hoffentlich liegen sie richtig.

In der nächsten Nacht seid ihr froh, überhaupt mal zur Ruhe zu kommen. Den Tag habt ihr damit verbracht alle Messer und Scheren vor ihm zu verstecken, und den Alkohol. An seinem Bett lag ein abgeschlagener Flaschenhals. Er muss sich verteidigen, sagt er immer. Ihr habt Angst, er könnte sich  selbst vergessen und irgendwas wirklich schlimmes tun.  Um drei Uhr scheppert es an eurer Schlafzimmertür, euer Sohn steht im Zimmer. Völlig außer sich schreit er euch an. Er will Geld. Sofort. „Geld, oder du bist ein toter Mann. Die Firma sagt, du musst sterben. Ich nehme ein Taxi nach Berlin. GELD. SOFORT.“ Ihr beschwichtigt. Es funktioniert nicht. Er scheint euch nicht zu hören. „AUF DIE KNIE! AUF DEINE KNIE, ODER DU BIST EIN TOTER MANN!“ fährt er dich an. Zack, die erste Ohrfeige saß. Die zweite kannst du so eben abwehren. Dein jüngerer Sohn steht mit einem Regenschirm bewaffnet neben dir. Du kannst ihn davon abhalten, zuzuschlagen und alles noch schlimmer werden zu lassen.

Dein Ältester, der bis vor ein paar Wochen noch nicht einmal einer Fliege was zu leide tun konnte, boxt und ohrfeigt sich jetzt selbst und schreit dich an, dass du sterben wirst. Dauernd hält er dir seine Fäuste direkt vor die Nase. Er redet wirr von „der Firma“, die ihm Befehle gibt und von der Überwachung. Argumente hört er schon lange nicht mehr. Du gehst auf seine Forderung ein. Er soll das Geld bekommen. Du hast Angst, er könnte sonst mit dem nächstbesten Gegenstand zuschlagen. Dann wäre alles zu spät. Als du ihm weinend klar machst, dass er sein Geld bekommen wird, lässt er endlich von dir ab. Er geht zurück in sein Zimmer. „HOL DAS GELD! SCHNELLER! GELD! SOFORT!“ er ist außer sich. Bitte, lass ihn nicht wieder da raus kommen. Du rufst die Polizei. Als sie kommen steht dein Ältester schon in der Tür. Er ist wütend. Die Beamten können seinen ersten Schlag abwehren, ihn an die Wand drücken und zur Wache bringen. Jetzt wird ihm sicher geholfen. Er schreit die Polizisten an wie am Spieß. Die Nachbarn werden sicher wach. Dann wissen alle von euren privatesten Sorgen. „Aaaaaaaahhhhh, Polizeigewaaaaaaalt!“ grölt er durch die Straße, als er zum Streifenwagen geführt wird. Hoffentlich tun die Beamten ihm nichts. Bisher scheinen sie recht besonnen. Gut, dass sie ihn mitnehmen. Du weißt genau: er ist gefährlich. Du fürchtest dich vor deinem eigenen Sohn. Die Familie sitzt weinend am Boden. Aber jetzt wird alles gut. Ihm wird geholfen. Endlich! Denkst du.

Bis du erfahren musst, was auf der Wache passiert ist. Zum Glück habt ihr es nicht mit angesehen. Die Bereitschaftsbeamtin vom Ordnungsamt hält ihn noch immer nicht für gefährlich. Man kann sie überreden, deinen Sohn im Krankenhaus einem Arzt vorzustellen. Der Arzt allerdings spricht kaum deutsch und stellt genau zwei Fragen. Auf: „Wer sind Sie?“ zieht dein Sohn seine Hose aus und wälzt sich nackt über den Krankenhausboden. Man kann ihn aufrichten. Auf die Frage, was er da mache, schreit er den Arzt an: „Blas mir einen. Arschloch. Du gehörst doch auch zur Mafia. Blas mir einen. Mafia-Arzt.“ Der Mann ist betrunken, sagt er Arzt süffisant lächelnd und attestiert, dass er deinen Sohn für gewahrsamsfähig hält. Jetzt sitzt er in der Zelle.

Geholfen hat ihm niemand. Und das versuche ich euch am Telefon zu erklären…

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