Die lieben Kleinen

Als uns der Ruhestörer die Tür zu seinen 30qm Rumpelbude öffnet weiß ich: Bleiben möchte ich hier nur so lange wie unbedingt nötig. Sein Nachbar fühlt sich durch lautes Gepolter im Hausflur gestört. Jetzt, gegen 23.50 Uhr, möchte er langsam schlafen. Der Ruhestörer trägt den leichten Bieranzug, hat locker auf 25°C geheizt und außer seiner Frau auch noch einen Mann Anfang 20 und dessen jüngere Schwester zu Gast. Die zieht sich, als wir kommen, gerade im Bad um. Angeblich ist sie 15 und übernachtet heute hier. Hier, das ist ein Wohnzimmer, auf dem man kaum einen Fuß auf die Erde kriegt, ohne gegen irgendwelche schmutzige Kleidung, leere Flaschen oder anderen Hausrat zu treten. Aber groß bewegen wollte sich wohl eh länger niemand. Lieber sitzen die vier um ihren gekachelten Couchtisch, trinken Hochprozentiges aus großen Gläsern und spielen Karten. Und sie rauchen. Viel. Was die warme Luft nicht gerade angenehmer macht. Unser Bauchgefühl sagt uns, dass hier über die Ruhestörung hinaus noch was im faul ist. Während der erwachsene Gast versucht, unseren Blicken auszuweichen und ewig am iPad bei Facebook rauf und runter scrollt, werden die Gastgeber nicht müde zu betonen, dass sie ja nichts verbrochen, ein reines Gewissen und auch generell von der Polizei nichts zu befürchten haben. Da hat doch jemand ein schlechtes Gewissen. Aber bevor wir die erwachsenen Kartenspieler durch’s Fahndungssystem jagen möchte ich die Dame aus dem Bad kennenlernen.

Ihr Bruder bittet eine noch sehr kindlich aussehende 15jährige ins Wohnzimmer. Wechselkleidung suche ich im Bad vergeblich. Die Kurze wollte uns wohl nicht kennenlernen. Sie fläzt sich auf die grasgrüne 60er Jahre Couch und grinst frech. Einen Ausweis hat sie nicht dabei. Ein Schülerticket auch nicht. Wir fragen sie getrennt von ihrem Bruder nach ihren Personalien und irgendwie wollen Nachname und Geburtsdatum, die die beiden uns nennen, so gar nicht zusammen passen. „Du lügst doch, Melina. Ich seh’s an deinen Augen!“ – ich habe sie schon lange ertappt. Auch ihre Ausrede, sie sei für heute von der Schule entschuldigt, wegen Armschmerzen, ist dermaßen schlecht vorgetragen, dass ich aufpassen muss, nicht zu lachen. Und morgen, da fahre sie direkt von hier aus hin, Schulsachen… ach, die brauche sie morgen nicht. Es sei kein Unterricht, bloß ne Party…

 Trotz reichlich Smartphones zwischen den Gläsern, Spielkarten und vollen Aschenbechern lässt sich auf wundersame Weise die Telefonnummer der Mutter nicht auftreiben. Brauchen wir aber auch nicht so dringend, denn der Kollege hat über Funk erfahren, dass Melina erst 13 ist und seit zwei Tagen Zuhause vermisst wird.

„Es hilft alles nichts, Melina. Du musst mit uns zur Wache fahren. Dann sehen wir mal, wie du nach Hause kommst!“ eröffne ich ihr die Nachricht, die ihre Laune von der Coolness der Kartenspielerin zu einem trotzigen Kleinkind. Sie möchte sich etwas anderes anziehen. Na gut, ich begleite sie ins Bad. Lust, in der Bammelbude gleich auch noch die Badezimmertür hinter ihr aufzubrechen, habe ich nicht wirklich. Melina passt das gar nicht. Sie sieht ihre Felle schwimmen, wechselt die Taktik und geht in die Offensive: „Boah… Alter! verpiss dich mal aus’m Bad, blöde Schlampe!“ mault sie mich an und versucht, mich aus dem Bad zu drängen. Ich bleibe stehen, ihre Kinderhände und ungefähr die Hälfte meines Gewichtes – da kann sie lange schubsen. Ich halte ihre Arme fest. „Beruhig dich, zieh dich um, wir fahren zur Wache. Aber ich kann hier nicht die Tür hinter dir zu machen. Los: Pulli an!“ 

Die Kurze dreht voll auf: „Aaaauuuaaa, fette Schlampe, ich fick dich. Und ich fick deine Mutter. Ich schwör, ich krieg dich, dann töte ich dich. Alle Polizisten töte ich!“ So hellhörig, wie das Haus hier ist, wissen jetzt auch die Nachbarn über meine Zukunft bescheid. Letzte Chance: „Zieh den Pulli an. Du kannst auch noch Schuhe anziehen, aber krieg dich ein. Wir diskutieren das nicht. Reden können wir auf der Wache!“ Da habe ich mich getäuscht, reden können wir gar nicht mehr. Melina geht in den Infight und der Kollege, der gerade noch die drei Erwachsenen davon abhält, mit in das drei Quadratmeter Bad zu kommen, hilft mir, das nun wild um sich schlagende Mädchen festzuhalten, ohne dass sie sich oder uns wehtun kann. „Du Hurensohn. Verpiss dich. Ich töte dich!“ Aha, jetzt kriegt der Kollege Langes. Solange das Mädel so wütet kommen wir nicht aus der Wohnung ohne entweder diverse Möbel umzuhauen oder uns selbst eine einzufangen. Gerade hält sie sich an der Handtuchstange fest und die möchte ich eigentlich nicht so gerne mit zur Wache nehmen. Hilft nix: Wir beschließen, die Kurze zu fesseln. Na spitze. Ein Widerstand mit einem Kind. Hatte ich zwar schonmal, ist aber eine ziemlich blöde Situation. Erstens weil man immer Sorge hat, die Kurze könnte sich wehtun und weil man sie deshalb nicht zu barsch festhalten möchte. Zweitens weil man natürlich auch von einer 13jährigen weder geschlagen, noch getreten oder erst recht nicht gebissen oder angespuckt werden möchte.  Wir finden einen Mittelweg. Der Kollege trägt die wild um sich tretende Melina die Treppen runter zum Streifenwagen. Nach und nach gehen um uns herum die Fenster auf, weil die Anwohner bei ihren spitzen Schreien denken müssen, wir verschleppen ein wehrloses Mädchen oder eine Horde wilder Frauen prügelt sich auf der Straße. Zum Glück parken wir direkt vor der Tür. Rein ins Auto, angurten… und bäääääääh, da ist es passiert. Ein fieser, schleimiger Rotzefleck suppt an meiner Warnweste runter. Gar nicht so einfach, die Fassung zu wahren. Aber irgendwie klappt’s mal wieder… Und ich dachte, der Gipfel ihres Wutausbruchs sei der Versuch gewesen, den Kollegen vor dem Einsteigen in den Streifenwagen kräftig an seiner empfindlichsten Stelle zu kneifen. Wobei: Wenn er sich gerade in diesem Moment eins nicht wünscht, dann eine Tochter!

Wir beeilen uns, das immer noch wild wütende Mädchen zur Wache zu bringen. Inzwischen schmiert sie ihren Schnodder an der Scheibe neben sich ab. Lecker.
 Erst in der Zelle können wir ihr die Fesseln abnehmen und sie kommt langsam zur Ruhe.

In den nächsten Minuten wird aus der Furie, die eben noch eine coole Kartenspielerin in einer Erwachsenenwelt war, ein kleines schluchzendes Mädchen. „Kann ich meine Mama anrufen?“ – „Wir machen das, beruhig dich erstmal!“ Wie schön wäre jetzt ein Happyend. Mama würde kommen und der Kleinen die Tränen von den Wangen wischen… die Kleine würde sich entschuldigen und die Wiese wäre wieder ein bisschen grüner… aber Mutti (gerade so alt wie ich) möchte mit der Kleinen nichts mehr zu tun haben.  Melinas Nacht endet in einer Jugendschutzstelle und ihr Weg wird sie in den nächsten Tagen in eine Klinik führen. Zur Verhaltenstherapie.

Ich drücke ihr die Daumen. Nächsten Monat wird sie strafmündig. Würde sich anbieten, vorher noch die Kurve zu kriegen…

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