Level 242

Ich bin wieder Menschen begegnet und weiß nicht, wie ich euch davon berichten soll. Zappen wir also mal in eine neue Folge „Mitten im Leben!“. Sie spielt im Spätdienst gegen 20.00 Uhr mitten in unserem Dorf.

Als die Leitstelle uns den Einsatz gibt hören wir mal wieder an der Stimme, dass es in irgendeiner Form ernst werden könnte. Eine Frau hat den Notruf gewählt. Sie macht sich große Sorgen um ihre Schwester, die ihr soeben in einer SMS geschrieben hat, ihr Mann säße ihr mit einem Messer gegenüber. Seltsam, oder? Da wird jemand mit einem Messer bedroht und schreibt diesen Umstand erstmal seiner Schwester per Kurznachricht. Aber möglich ist – ihr wisst es inzwischen – alles. Und da wir natürlich davon ausgehen, dass es stimmt, beeilen wir uns. Kurz vor dem Eintreffen hat die Leitstelle die Bedrohte persönlich am Telefon. Sie drückt per Summer die Haustür auf, und noch bevor wir einen Fuß über die Schwelle des Altbaus setzen purzelt uns ein völlig betrunkener Mann über eine Marmortreppe entgegen. Das hätte auch übel ausgehen können. Aber Besoffene und Kinder haben ja da meist besonderes Glück.

Er rappelt sich auf. Sein linker Arm blutet leicht aus oberflächlichen Kratzwunden zwischen Handgelenk und Ellbogen. Sieht aus, als sei es ziemlich zur Sache gegangen. Als wir ihn durchsucht und gefesselt haben können wir der Leitstelle und unserem Chef, der nachkommt, durchgeben, dass die Situation erstmal ruhig ist. Wobei „ruhig“ sich nicht auf die Sprechweise unseres Gegenübers bezieht. Er schreit und schimpft und lallt uns vor, seine Frau hätte im Urlaub „den Animateur gef*ckt. In Ägypten. Den Nadim, den alten Feldstecher.“ Vertikal? Feldstecher? Das klären wir später… Beim Durchsuchen hat unser Gegenüber den Hausflur mit Blut beschmiert. Da werden sich die Nachbarn freuen. Sieht fies aus. dafür, dass der Schreihals zwar laut, aber eigentlich lieb ist. Aus dem ersten Stock winkt mich die Frau unseres Gefesselten zu sich. Unverletzt. Sehr gut. Dann wollen wir mal hören, was hier los war.

Der Chef trifft ein und befragt mit dem Kollegen zusammen den Mann, ich kann mich oben der „Geschädigten“ zuwenden. Sie führt mich ins Wohnzimmer. In ihrer recht ordentlichen Wohnung voller Stehrümskes läuft der Fernseher. RTLcrime – Da steh ich ja schon drauf… Merklich angeschickert erzählt mir die Dame des Hauses von ihrem Abend. Auf dem Ecksofa hatten sie gesessen. Eigentlich seien sie auch kein Paar mehr, sie habe vor zwei Wochen die Scheidung eingereicht, wolle aber nicht ausziehen, sie fände die Wohnung so gemütlich. Und es gebe auch keine andere Bude, die ihr zusage. Aber einer könnte ja nach der Scheidung auf dem Sofa schlafen. Oder man richte sich ein zweites Schlafzimmer ein. Der Mann wolle sich gar nicht trennen sondern die Beziehung retten. Und er trinke zuviel. Mein Einwand, da scheine er hier nicht der Einzige zu sein, prallt ab. „Der hat sich ne Flasche Chantré reingepfiffen. Ich hatte nur zwei Jägermeister.“ besteht sie auf das Ungleichgewicht und deutet auf ihr volles 0.4er Cola-Glas mit der amtlichen Cola-Jägermeister-Mischung. Mit Strohhalm. Wie stilvoll. Das ist ja fast ’n Cocktail. Während der Gefesselte im Hausflur langsam leicht missmutig wird fährt sie mit größter Gelassenheit fort. Man habe also auf dem Ecksofa gesessen, er auf der einen, sie auf der anderen Seite, und habe das eine oder andere Glas getrunken. Sie habe auf dem Tablet JellySplash gespielt (Ich seh’s gerade: Auf dem Bildschirm leuchtet Level 242) und gleichzeitig per Smartphone Kettenbriefe mit ihrer Schwester ausgetauscht. Ihr Mann sei am Notebook im Internet gesurft. Dann habe er sein Tauchermesser aus der Schublade des Couchtisches genommen (das haben wir ja alle da liegen, man kennt das…) und angefangen, mit dem Sägerücken der Klinge immer wieder über seinen Arm zu kratzen. „Guck!“ Habe er sie angemault: „Würde das ein anderer Mann für dich tun?“ Sie habe sich für sein Gesäge eigentlich gar nicht interessiert. Ihr doch egal, ob der sich ’nen Arm abschneidet. Außerdem müsste er eh gleich ins Bett und das letzte Glas Weinbrand sei auch fast leer gewesen. Kein Grund zur Sorge also. Sie habe sich weiter mit Level 242 und WhatsApp beschäftigt, bis ihr Mann mit seinem Gequatschte und der Rettung der Beziehung dann genervt habe. „Da habe ich meiner Schwester geschrieben, ich kann grad nicht mehr weitermachen, mit den Kettenbriefen, weil der hier mit ’nem Messer rummacht!“ Bedroht habe er sie nicht, und auch nicht zu irgendetwas bringen wollen. Er habe einfach versucht, sie zu beeindrucken.  Das klappte, so scheint mir, ja nicht so gut. Vermutlich war Level 242 aber auch besonders kniffelig. Die Polizei braucht in dem Fall jedenfalls niemand. Die Frau – noch immer genervt vom Gesäge ihres Mannes, verzieht sich zu einem Bekannten. Den 2-Promille-Mann bugsieren wir ins Bett. Er muss ja auch am nächsten Tag arbeiten. Ist ja schließlich ein ganz normaler Haushalt in einer ganz normalen Kleinstadt. Wir ziehen also ab, als wären wir nie da gewesen. Ist ja auch nichts Aufregendes vorgefallen.

Bloß die Blutspuren im Hausflur müsste mal jemand wegfeudeln.

2 Gedanken zu “Level 242

  1. Jan

    Ich habe da früher schon einmal drüber nachgedacht: Gibt es eigentlich die Möglichkeit, einen Notruf per SMS oder WhattsApp abzusetzen? Manchmal gibt es doch bestimmt Situationen, in denen man gerade nicht frei und offen mit der Polizei telefonieren kann – obwohl man sie eigentlich benötigt. Und dann wären da noch die Mitmenschen, die gar nicht sprechen können.
    Geht das also?

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    1. Ja, es gibt die Möglichkeit, die Polizei per Fax zu erreichen. Das ist vielleicht ein bisschen „80er“ – funktioniert aber.
      Die entsprechenden Nummern findet man online auf den Webseiten der jeweiligen Landespolizei.

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