Bemerkenswert

Willkommen!

Schön, dass du da bist – Komm, wir gehen auf Streife!

Wie im echten Streifenwagen auch würde ich mich freuen, wenn wir über meine Begegnungen mit Menschen ins Gespräch kämen. Du kannst (auch gern anonym) überall Beiträge kommentieren oder mit anderen teilen. Es wäre mir ein Fest!


Alle Beiträge, die ich 2013 verfasst habe, findest du auf meinem alten Blog. Hier entlang, bitte.

Münster

Och biiiitte nicht, bitte noch fünf Minuten“ nörgele ich bedröppelt in mich hinein, als schräg hinter mir das Gartentor klappert. Zwar war der Frühdienst einer der Ruhigeren, aber das Aufstehen um 04.45 Uhr und den fließenden Übergang von Dienstende um 14h über die anschließende Gassirunde, den Weg durch den Supermarkt in die Küche und dann hungrig mit Grillzeug in den Garten trägt mein Körper mir nach. Er möchte noch fünf  Minuten auf diesem Monsterkissen liegen und gar nichts müssen, und ich möchte ihm das am liebsten auch genau so ermöglichen. Aber aus unserem gemeinsamen Plan wird nichts: der Grillbesuch steht auf der Terrasse, pünktlich wie die Maurer, und wo gegrillt werden soll, da ist kein Aufschub möglich.

Ziemlich zerknautscht purzele ich vom Liegekissen, rücke kurz den Kreislauf wieder auf Aktivitätslevel zurecht und bin bereit, meine Pause gegen eine Bratwurst zu tauschen. Ganz NRW eröffnet gerade die Grillsaison, die Nachbarn rechts und links fücheln auch schon rum wie bei der nächsten Papstwahl, da will man ja nicht der Garten ohne weiße Rauchsäule sein. Nachher denken die noch, man sei zu faul zum Feuer machen. Oder Vegetarier.

Auf dem Weg in die Küche bimmelt das Handy. Der Chef ist dran. Wir wechseln zwei Sätze, keinen zuviel, dann latsche ich an der Küchentür vorbei ins Wohnzimmer. „Ich muss noch mal zur Wache, in Münster muss ein Anschlag passiert sein. Es soll Tote gegeben haben!“ trage ich meine Überrumpelung direkt weiter an den Besuch. Im Garten, ohne Radio und Handy, haben mich die Nachrichten noch nicht erreicht. Zum Fernsehen ist keine Zeit: „Ich mache mich mal auf den Weg.“ freue mich kurz, die Arbeitstasche noch gar nicht ausgepackt zu haben, und während der Besuch noch verdattert im Garten steht und sich fragt, wer das jetzt alles essen soll, habe ich schon die übrigen Kollegen abtelefoniert und genauso wenige Worte verloren wie bei meiner eigenen Alarmierung vorhin.

Nach und nach trudeln Kollegen aller möglicher Dienstgruppen auf der Wache ein. Den Abend über machen wir, was die Polizei im Falle eines vermuteten Anschlags in einiger Entfernung so macht. Zwischendurch erzählen wir uns, was eigentlich gerade im heimischen Garten auf dem Grill liegen sollte, ob es verdirbt oder vom zurückgelassenen Besuch verspeist wird, wer sich um vereinsamte Hunde (und Familien) kümmert und sinnieren, wann es wohl etwas zu Essen geben könnte, wenn schon nicht die avisierte Grillwurst.

Trotzdem, habe ich den Eindruck, sind alle aus Überzeugung da. Meckernd über diverse Widrigkeiten zuweilen, aber am Ende doch weil sie wissen, dass irgendwer den Job hier ja machen muss, und das sie gerade mal wieder Teil eines großen Ganzen sind.

Ein kleiner, hungriger Teil.

(Zumindest bis irgendwann eine ernstzunehmen große Pizzalieferung eintrudelt, deren Rechnung eine durchschnittlich dahinsiechende Dorfpizzeria stolz als krisenabwendendes Umsatzplus Peter Zwegat unter die Nase reiben würde.)

Da stehen und sitzen wir, verschiedene Dienstgruppen, verschiedene Dienststellen, freuen uns über ein Stück „Protschutto“, und darüber, dass wir alle Kollegen haben, die diesen Job so machen, wie sie ihn machen.

Alleine wären wir nämlich genau niemand.

Danke euch deshalb, Kollegen, für’s: „Ok, ich komme sofort zur Wache!“, für’s: „Nimm du jetzt bitte Hund und Kind, ich muss nochmal zur Arbeit!“, für den Mut, die Aufgabe zu übernehmen, die anfällt, auch wenn sie mit dem Alltagsjob nicht viel zu tun hat, und danke vor allem für’s Zusammenhalten wenn’s drauf ankommt!

Und den unmittelbar von diesem miesen Einsatz vor Ort betroffenen Menschen, allen voran wie immer den Kollegen in blauen, roten und weißen Hosen, in und um Münster: Erhaltet euch das Flair in eurer Stadt. Dieses radelnde, junge, gemütliche, frische, traditionelle und freundliche Gefühl zwischen Speckbrettfeld, Aasee und Prinzipalmarkt.  

 

#Münster #WirSehenEuch

 

Wenn einer vom Pferd erzählt

Ein Samstag im Nachtdienst. Ich bin gerade dabei, den Computer hochzufahren, als der erste Bürger die Wache betritt. Eierschalenfarbene Hose, braune Angelweste, Prinz-Heinrich-Mütze, Schnäuzer. Ich denke, ihr habt ein Bild…

Der rüstige Mann um die 70 trägt mir in breitestem Ruhrdeutsch vor, er hätte sein Auto „anne Westfalenhalle“ geparkt, „über Tach“, und dann wär er „mitte Liebsten“ erst abends zum Parkplatz zurückgekehrt. Er war also im Stadion, beim BVB, und nicht nur die Straftat, die er hier anzeigt, nein, auch das Spiel dürfte ihm nicht recht gefallen haben. Weiterlesen „Wenn einer vom Pferd erzählt“

Mit Glitzer

Geh ruhig mal gucken!“ ermutigt der Papa seinen etwa 4 Jahre alten Sproß, als ich mit dem Streifenwagen in der Fußgängerzone anhalte. Seine Schwester und er haben so süß gewunken, dass ich einfach stehen bleiben musste. Jetzt unterhalte ich mich ich mit Paul, Clara und ihrem Papa darüber, warum das Polizeiauto durch die Fußgängerzone fährt. Und warum die Polizistin alleine unterwegs ist.

Zu zweit macht das wirklich mehr Spaß!“ gebe ich zu: „Wer von euch beiden möchte denn als erstes mein Beifahrer sein? Der Andere kriegt so lange die Polizeimütze und die Kelle!“ Der Junge lässt Papas Hand los, klettert auf den Beifahrersitz und ich muss aufpassen, dass er nicht gleich alle Knöpfe auf einmal drückt. Ich lasse ihn das Blaulicht anschalten und ermahne ihn, seine Hände kurz bei sich zu behalten, damit ich seiner großen Schwester Mütze und Kelle leihen kann.

Sie allerdings klammert sich noch an Papas Jacke fest und muss sich deshalb ganz schön strecken, um auch ins Auto gucken zu können. „Magst du mal die Mütze aufsetzen?“ frage ich und beuge mich zu ihr runter. „Nein, möchte sie nicht…“ beschließt Papa: „Das ist ja nichts für Mädchen!“ Das Mäuschen mit dem rosa Regenmäntelchen guckt schüchtern durch die Weltgeschichte.

Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der gerade mit Dinosauriermütze und Jeans jeden Schalter genau betrachtet, soll sie wohl keine Entdeckerin werden.

Na warte: „Waaas? Der Papa hat ja keine Ahnung. Klaro ist das was für Mädchen… wir gucken mal ob die Mütze vielleicht sogar schon passt!“ wende ich ein und setze Clara ungefragt die Mütze auf. Ein Lächeln blitzt auf. Dann nimmt Clara sich den Riesenhut vom Kopf und untersucht Stern.

Papaaaa: wofür ist der eine große Knopf?“ ruft es aus dem Auto. Papa wird hektisch. „Das ist der Schleudersitz! Nicht draufdrücken!“ scherze ich und sehe doch lieber mal nach, wo klein Paul seine Patschehände gerade hat. „Ah, nee. Das ist für das Martinshorn. Da wollen wir nicht draufdrücken, weil Papa und Clara dann vielleicht die Ohren weh tun.“ – „Taaaatüüüü…“ grölt Paul glucksend: „…taaataaa!“ stimmt Clara ein. Dann tauschen sie die Plätze.

Während Paul draußen mit Mütze und Kelle dezent eskalierend ums Auto flitzt und gerade eine Oma mit Rollator einer Verkehrskontrolle unterziehen möchte, ziehe ich hinter Clara die Tür von innen zu und wir gucken uns ganz in Ruhe alles an. Sie ist noch immer ein bisschen eingeschüchtert. Vermutlich hört sie nicht zum erstem Mal, dass Entdecken und im Auto Rumklettern nichts für Mädchen ist. Uns egal. Mit ein wenig Geduld ist auch ihre Neugier geweckt. Am Ende darf sie sich einen meiner Aufkleber aussuchen. Sie kratzt sich am Kinn, entscheidet sich mehrmals um und wählt schließlich einen Polizeiauto-Aufkleber. Den klebt sie sich auf die Jacke. „Woooaaahhh. Der ist cool!“ findet auch ihr Bruder, der natürlich auch einen Sticker bekommen soll.

Nach reiflicher Überlegung wählt er einen Hund, weil: „Der hat sogar Glitzer!“ Papa guckt irritiert. Noch bevor er stänkern kann, dass das doch nichts für Jungs ist und Paul noch einmal neu entscheiden soll, stimme ich schnell in seine Schwärmerei für Hundeglitzeraufkleber ein: „Da haste Recht, Paul. Glitzer ist was Besonderes!“

Manchmal liebe ich meine uniformbedingte Meinungsmachermachtposition bei kleinen Kindern. Papa resigniert und pappt Paul den Glitzerhund auf die Jacke.

Als ich weiterfahre winken die Kiddies mir hinterher. Ich hoffe, sie haben ein bisschen was gelernt.

Also, nicht nur die Kinder…

Joey

Dass eine kleine Pause entstanden ist dürfte den meisten von euch nicht entgangen sein.

Umso mehr freue ich mich, dass es jetzt weitergehen kann. In der Zwischenzeit sind sogar einige kleine Geschichten entstanden, die ich nach und nach veröffentlichen möchte.

Den Anfang machen ein sehr keiner, sehr zufrieden wirkender Kunde und sein sehr großer und sein Vater. Weiterlesen „Joey“

Auf der Zielgeraden

Nein! Ich kann nicht nach Hause. Weil… ich nicht will!“

Wie angewurzelt steht die Frau um die 60 neben mir und bewegt ihre Herzchensockenfüße keinen Millimeter in Richtung Heimat. „Bis zu Ihrer Tür sind es 50 Schritte. Machen Sie wenigstens mal den Ersten. Das ist immer der Schwerste.“ versuche ich mein Bestes. „Dann schlafen Sie ein bisschen Ihren Rausch aus und morgen ist die Wiese wieder grün.Weiterlesen „Auf der Zielgeraden“

Echte Liebe

„Ich denke, Sie müssen nicht mitfahren…“ beschließt das Team des Rettungswagens, das gerade den jungen Mann mit den Schnittwunden versorgt. Er ist in Glasscherben gefallen und blutet leicht an den Armen. „… Scherben sind da keine drin.“ Ein eher umspektakulärer Fall für den Pflasterlaster, und die Polizei braucht hier streng genommen auch niemand. Wir leuchten noch kurz die Kleidung des Mannes ab und suchen übriggebliebene Scherben, dann wollen wir uns verabschieden, als aus Richtung Bahnsteig plötzlich ein hysterisch schreiendes Mädchen zu uns rennt. Sie dürfte so um die 14 sein, ist in Tränen aufgelöst und quetscht sich unangenehm nah zwischen mich und den Patienten. „Der will mich umbringen! Da hinten! Der Mann… mein Baby!“ was auch immer sie noch sagen will wird von einem  Nase hochziehenden Schluchzer ertränkt.

Weiterlesen „Echte Liebe“

die Geschichte von den Socken

Die neuen Praktikanten sind seit einer Woche das erste Mal in Uniform unterwegs und ich habe mir für diesen Frühdienst vorgenommen, seine Tutorin und ihren Youngster kurz bei Seite zu nehmen und ihn wissen zu lassen, was mir wichtig ist und was ich mir für diese erste spannende Zeit mit echtem Bürgerkontakt von ihm wünsche.

Weiterlesen „die Geschichte von den Socken“