Bemerkenswert

Willkommen!

Schön, dass du da bist – Komm, wir gehen auf Streife!

Wie im echten Streifenwagen auch würde ich mich freuen, wenn wir über meine Begegnungen mit Menschen ins Gespräch kämen. Du kannst (auch gern anonym) überall Beiträge kommentieren oder mit anderen teilen. Es wäre mir ein Fest!


Alle Beiträge, die ich 2013 verfasst habe, findest du auf meinem alten Blog. Hier entlang, bitte.

Im Hintergrund

Unser Beruf hat viele Facetten. Einige davon habe ich in den letzten Jahren hier vorzustellen versucht. Oft ist es stressig, ab und zu spannend und manchmal auch gefährlich. Meistens geht es um das ganz normale Leben, manchmal um den Tod. Mir macht es nach wie vor Spaß, sich all dem zu stellen. Ich mag die Unwägbarkeiten und möchte nicht mit einem reinen Schreibtischjob tauschen. 

In der letzten Spätdienstwoche zum Beispiel habe ich einigen Falschparkern Geld aus der Tasche gezogen, Unfälle aufgenommen, Drogen sichergestellt, war beim Schießtraining und habe reichlich Papierkram erledigt. Rein statistisch ist wahrscheinlich auch die kommende Woche ähnlich unspektakulär. Vielleicht fangen wir Straftäter, vielleicht rufen Menschen an und stellen seltsame Fragen, vielleicht weisen wir Verwirrte in die Psychiatrie ein und schicken Besoffene Kneipengäste nach Hause. Mit etwas Pech müssen wir sie dazu zwingen, sie zu Boden bringen oder sonst wie Hand anlegen.

Ich habe in dieser Woche auch einer Mutter mitgeteilt, dass ihr Mitte 30jähriger Sohn sich totgesoffen hat. Natürlich habe ich es anders formuliert. Schon einige Stunden zuvor hatte die Mutter besorgt den Notruf gewählt, nachdem sie ihren Sohn nicht erreichen konnte und er auch die Tür nicht öffnete. Sie fürchtet, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Die Kollegen fanden ihn leblos in seinem Bett vor, das Zimmer verwahrlost, überall leere Wodkaflaschen. Offenbar die einzige Nahrung, die er in seinen letzten Tagen noch zu sich nahm. Jetzt war es also mein Part, der Mutter die traurige Nachricht zu überbringen. Glücklicherweise konnte ich auch dieses Mal auf die Unterstützung unseres Polizeiseelsorgers R. zählen. R. ist super! Ein sehr zugewandter Mensch, der seine Worte besonnen wählt, und wenn ich mir aussuchen könnte, wen ich zum Überbringen egal welcher Nachricht mitnehme, meine Wahl fiele wohl auf ihn. 

Wie immer bei Todesbenachrichtigungen haben wir uns auf der Wache getroffen, ich habe R. kurz über die Todesumstände des Verstorbenen eingewiesen und dann sind wir losgefahren. Unsere Aufgaben waren klar verteilt. Ich werde klingeln, uns vorstellen, um Einlass bitten und mich nach dem Namen desjenigen erkundigen, der uns öffnet. Da sind wir. Eine Stadtvilla in einer der besseren Gegenden. Vor der Tür stehen zwei teure Autos. Ein drittes ist halb zugewuchert. Offenbar kann man es sich erlauben, es ungenutzt herumstehen zu lassen. Im Gegensatz zu den Nachbarhäusern ist der Vorgarten verwahrlost. Die Koniferen kratzen seit Jahren am Putz, der Wein ist wilder als sein Name verspricht und das Unkraut in den Fugen hat den Fußweg zur Tür völlig überwuchert. Vor der Tür steht eine Reihe leerer Rotweinflaschen. Der Sohn, der bis zuletzt in der Nachbarstadt lebte, scheint nicht der einzige zu sein, der in dieser Familie dem Alkohol anheim gefallen ist.

Ich klingele. Jemand kommt. Ich atme durch, dann öffnet eine Frau im Bademantel. „Guten Tag. Sind Sie die Mutter von ____ _______?“ Sie bejaht. Ich stelle mich und R. kurz mit Namen vor. Dann komme ich auf den Punkt. „Ich weiß, dass sie sich seit heute Nachmittag Sorgen um Ihren Sohn machen. Leider ist Ihre schlimmste Befürchtung wahr geworden. Wir haben Ihren Sohn tot in seiner Wohnung gefunden. Der Notarzt konnte ihm nicht mehr helfen.“ Jetzt ist es raus. Die Mutter führt uns vorbei an zwei verfilzten Hundwelpen durch eine dunkle Diele in die Küche. „Setzen Sie sich doch!“ schlage ich vor. Auch sie bittet uns in der winzigen 70er Jahre Küche Platz zu nehmen. R. räumt ein paar volle Tüten mit Papiermüll von den Stühlen während ich versuche, die leckenden Hunde von meinen Beinen zurück zu schieben. Die Mutter starrt auf eine Bierdose auf dem übervollen Tisch. 

Irgendwann ist hier etwas kolossal aus dem Ruder gelaufen. Der Zeitpunkt scheint länger zurück zu liegen. Seit Jahren soll ihr Sohn schwer alkoholkrank gewesen sein. Auch sie selbst wirkt gesundheitlich angeschlagen. Gemeinsam mit R. erklären wir ihr die Todesumstände. Zwischendurch herrscht Stille. Nur die Hunde drängen sich auf. Das Radio hat R. ausgeschaltet. Schon nach wenigen Minuten hat er seine Rolle in diesem Einsatz erklärt. Die Damen nimmt seine seelsorgerische Hilfe gern in Anspruch. Ihre Konfession spielt dabei übrigens keine Rolle, was ich für eine äußerst angenehme Tatsache halte.

Bald kann ich mich verabschieden. „Ich finde allein raus, danke! Alles Gute für Sie!“ Vorbei am Papiermüll und den Hunden mache ich mich auf den Weg zur Tür. Raus aus der renovierungsbedürftigen Stadtvilla, weg von den Koniferen an der Fassade und den Alkoholproblemen der Bewohner und auch sonst raus aus ihrem Leben. 

Zurück im Streifenwagen wird mir wieder bewusst, was für einen verrückten Beruf ich da habe. Vorgang lesen, Seelsorger rufen, Nachricht überbringen und für immer wieder verschwinden.

Für R. gilt das übrigens nicht. Er wird noch bleiben, bis die drängendsten Fragen gestellt sind, auch die, auf die es vermutlich keine Antworten gibt. Vielleicht wird er sogar in einigen Tagen die Beerdigung leiten. Sein Einblick ist tiefer.

Wie er arbeitet, wie wir arbeiten, was uns an der Arbeit des anderen wichtig ist und was wir voneinander lernen können, konnte ich R. vor einiger Zeit wieder eine ganze Schicht lang im Streifenwagen ausfragen, als er mich einen Spätdienst lang auf Streife begleitete. Denn R. steht nicht nur parat, wenn unsere Bürger Seelsorge brauchen, sondern auch, wenn wir selbst seine Hilfe nötig hätten. 

Ich hoffe, nicht in diese Lage zu geraten. Falls doch, dann weiß ich allerdings, dass wir wirklich einen tollen Seelsorger an unserer Seite haben.

Dafür und für deine wertvolle Arbeit sage ich Danke, R.! 

Rummel

Die Kirmes ist im Dorf.

Zu den ganz normal Einsätzen, die uns Tag für Tag beschäftigen, gesellen sich diese Woche auch noch ein paar Exoten. So meldete am Tag des großen Kirmes-Umzuges zum Beispiel ein Kollege über Funk, dass gegenüber des Supermarktes gerade eine Ritterburg gegen ein geparktes Auto gefahren sei. Ritter kamen glücklicherweise nicht zu Schaden.  „Rummel“ weiterlesen

Devon

„Och nööö!“ entfährt es dem Kollegen, als er im Supermarkt die Tür zum Detektivbüro aufstößt. Drinnen sitzt, mit gesenktem Blondschopf verstohlen an seiner Bauchtasche herum knibbelnd, Devon. „Devon“ weiterlesen

Vermisst

„Der Wanderweg hinterm Windrad ist ebenfalls negativ. Wir machen erstmal weiter im Rahmen der Streife!“ quäkt es aus dem Funk. Der Kollege und ich schaue einander ratlos an. „Wo der wohl ist?“ frage ich halblaut. „Hm. Keine Ahnung!“  Wir dümpeln durch unseren Fahndungsbereich und überlegen. Jeden Dienstag (und deshalb auch heute) geht Opi also lange spazieren. Er stellt den Mercedes auf eine Anhöhe ab, oder hinter dem Windrad, und latscht los. Die immer gleiche Runde. Ihr Mann brauche die Ruhe der Natur, sagt die Ehefrau. „Das hat er schon immer gemacht! Er ist einfach gerne alleine unterwegs. Vielleicht ist das das Geheimnis von 60 Jahren glücklicher Ehe!“ Jetzt ist er seit Stunden überfällig. Arme Omi. Auf dem Foto, das sie uns mitgegeben hat, lachen beide glücklich in die Kamera. Und jetzt ist Opi wie vom Erdboden verschluckt? Kann doch nicht wahr sein.  „Vermisst“ weiterlesen

Sommer im Park

Der Sommer ist da. Die Kollegin stellt den Streifenwagen im Schatten eines Baumes ab, bevor wir in den Park latschen. Auf der frisch gemähten Wiese sitzen viele kleine Gruppen von grillenden und schlemmenden Menschen in der Sonne. Überall spielen Kinder.

Ein Anwohner hat uns gerufen. Er befürchtet, dass die Menschen am Ende des Tages einfach ihren Abfall hinterlassen. In den letzten Tagen muss die Rasenfläche schon einer Müllkippe geglichen haben. Die Mülleimer sind der Menge an Parkbesuchern ganz offensichtlich auch nicht gewachsen. Einige der Familien sollen ihre Buffets auf den Tischtennisplatten ausgebreitet haben. Der Anrufer erwartet wohl, dass wir den Park räumen. Mindestens. Immerhin bestünde ja die theoretische Möglichkeit, dass eine Horde ambitionierter Tischtennisspieler gerade jetzt hier ihr Trainingslager einzurichten gedenkt und der Gewinn der nächsten Parktischtennismeisterschaft nun durch eine Gruppe schlemmender Parkbesucher vereitelt wird. Nicht auszudenken.

Wir sprechen die erste Familie an. Das klapprige Grillgestell hat Mühe, die Mengen an Fleisch und Gemüse für allemann zu tragen. Aber irgendwie scheint es zu passen und riecht noch dazu wirklich fantastisch. Neugierig erkundige ich mich, was denn da auf dem Rost liege. Hier wird syrisch gegrillt, erfahre ich, und sofort hält der Bratmaxe mir einen Teller mit Hühnchen hin. Zum Glück habe ich gerade keinen Hunger, sonst könnte ich der Einladung, etwas zu probieren, nicht widerstehen.

Inzwischen umringt uns eine wird durcheinander plappernde Horde Kinder. Ohne jede Berührungsangst zupfen sie an der Uniform und wollen die Ausrüstung an unserem Gürtel ausprobieren. Auf unserer Fußstreife von Picknickdecke zu Picknickdecke darf also jeder mal die Handschellen, Taschenlampe und Einmalhandschuhe aus der Nähe angucken, und während die Kollegin eine kleine Vorführung von Blocktechniken mit dem Schlagstock gibt, erkläre ich der nächsten Grillrunde unser Anliegen. Ich war jetzt bei Syrern, Irakern, Afghanen und einer türkischstämmigen Familie. Multikulti auf der grünen Wiese. Überall wird mir angeboten,  etwas zu probieren. Jeder ist stolz auf seine Heimatküche und was da an Geflügel,  Teigfladen, Hummus und Soßen auf den Tellern liegt, sieht wirklich verlockend aus. Heute scheinen hier größtenteils vernünftige Menschen zu sitzen. Die meisten haben große Mülltüten dabei und trotz ein paar herumliegender Pappbecher und einer davonfliegenden Chipstüte kann ich wirklich nicht erkennen, dass hier gerade der Park den Bach runter ginge. Ich schicke die Kiddies zum Becher Einsammeln und hoffe, dass jeder heute Abend seinen Kram mit nach Hause nimmt.

Langsam müssen wir allerdings wirklich mal weiter. Aber bevor wir zurück zum Streifenwagen schlendern, überprüfen wir dann doch lieber noch mal, ob wir alle unsere Handfesseln, Handschuhe und Taschenlampen wiederbekommen haben, die unsere Mini-Kollegen gerade so spannend fanden. Vollständig ausgerüstet und gut gelaunt beenden wir unsere Fußstreife.

Nur dem Wunsch unseres Anrufers konnten wir nicht entsprechen. Wer neben einem Park mit Grillplätzen wohnt, der muss Grillgeruch aushalten. Und wenn die Parkbesucher die Tischtennisplatten zum Abstellen ihres Grillgutes nutzen, dann halte ich auch das für vertretbar. Vermutlich hätten sie unseren Anrufer sogar mal probieren lassen und ihm die Vorzüge ihrer Heimatküchen erklärt.

Solange er allerdings die Polizei ruft, wenn einer sein Fladenbrot auf die Tischtennisplatte legt, und solange er sich von auf Grillplätzen grillenden Menschen beschwert, so lange wird das wohl nix.

Schade.

Abschalten

Ich gebe zu, ich blogge wenig in den letzten Wochen, und zwar aus gutem Grund. Ich habe Urlaub. Die Uniform baumelt gelangweilt im Spind. Ans Telefon müssen andere gehen und sich anhören, dass Nachbar X Nachbarn Y beinahe zugeparkt hätte oder Mieterin A in der Mülltonne von Rentnerin B ihr Katzenstreu entsorgt. „Abschalten“ weiterlesen

Aktenzeichen VW (ungelöst)

Das Outfit der Dame, die die Stufen zur Wache erklimmt, ist schon sehr vielversprechend. Zur schwarzen Leggins trägt Madame, ich schätze sie auf Anfang 70, einen Pelzmantel. Leopardenmuster. 100 Prozent Polyester, mindestens.

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